Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Urs Augstburger – Helvetia 2.0

 

Interessante Ausgangslage

 

Geschickt vermischt Augstburger in seinem neuen Thriller die brisanten und aktuellen Themen der Zeit, die er mit einer wechselnden sprachlichen Form (je aus welcher Perspektive er gerade erzählt) auch im Stil verdeutlicht.

 

Aufkeimender Nationalismus, auch in der Schweiz (ähnlich wie „Der Wille des Volkes“ es als Neuerscheinung mit anderem Sujet ebenfalls aktuell aufzeigt) mit den Gefahren, die dahinterstehen und stecken und auch symbolhaften Darstellungen von Persönlichkeitsstrukturen und deren tieferen „Beweggründen“. Es ist nicht schwer, in dem alternden „Rechten“, dessen Sohn und dem aufkommenden, skrupellosen „neuen Mann“ Figuren wie Le Pen, Vater und Tochter oder andere Beispiele der aktuellen politischen Kräfte zu erkennen.

 

Die dabei eingeflochtenen Doppeldeutigkeiten, was dem Thriller seinen Roten Faden hin bis zur überraschenden und empörenden Aufdeckung der Hintergründe am Ende des Buches angeht, bietet ein durchaus nicht unrealistisches Bild hinter die Kulissen der Mächtigen, die oft anderes reden als sie stillschweigend handeln.

 

Wie sich das mit der Digitalisierung vermengt und diese gerade im publizistischen Bereich bestens für alle dunklen Zwecke nutzen lässt, das hat nicht nur mit „Fake-News“ einen aktuellen Hintergrund, sondern zeigt ganze Hintergründe von Kampagnen der „modernen Welt“ im besonderen Licht.

 

Die Vermengung mit Nostalgie (eine alte, „richtige“ Radioshow, die sich der Musik in einer Form zuwendet, die aus analogen Zeiten noch bekannt ist und dort für nicht wenige das Leben wirklich begleitet haben), der Blick auf die „neue“ Musikindustrie an sich und deren ganz anderen Gesetzmäßigkeiten, wieder verbunden mit psychologischen Betrachtungen der Prägung von Menschen (ein „dunkles Geheimnis“ aus der Vergangenheit spielt eine tragende Rolle“, das alles liest sich thematisch rund und gut.

 

Wozu auch beiträgt, dass Augstburger den Perspektiven zumindest zweier Hauptfiguren des Buches, aus denen heraus her überwiegend erzählt, einen anderen Tonfall klar erkennbar mit auf den Weg gibt.

 

Dort ein hartes, assoziatives Stakkato fast, auf der anderen Seite eine weiche Form von Sprache und Herangehensweise.

 

Flüchtlinge, deren Funktionalisierung für „neues rechtes Denken“, Digitalisierung aller Lebensberieche, die dunkle Strategien im Hintergrund erst ermöglichen und geheimnisvolle Aktivitäten, für die ohne Skrupel gemordet wird.

 

Hier und da allerdings wirkt die Handlung doch sehr konstruiert in den Zusammenhängen zwischen den Personen und den allzu oft zu simpel „zueinander passenden“ Gefühlen. Ein wenig mehr Hintergründigkeit hätte dem Thriller in dieser Hinsicht besser zu Gesicht gestanden, wie es auch nicht (mehr) immer hoch attraktive Wesen sein müssen, die als „Helden“ die Geschichte tragen.

 

 

Dennoch, aktuell, gut erzählt, mit mehr als einer Ebene versehen, bietet der Thriller eine anregende und unterhaltsame Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2017