Edition 211
Edition 211

V.S.Gerling – Das Programm

 

Dynamisches Duo gegen „Gehirnwäsche“

 

Was ist, wenn der „moralische Schutzwall“ fällt? Wenn ein Mensch ungehindert von inneren Schranken seine Möglichkeiten und Kräfte „machtvoll“ einsetzt? Mit der „größten Macht“ vor allem, der „Macht über Leben und Tod“?

 

Was ist, wenn grausam „bearbeitet“ weibliche Leichen in verschiedenen Städten Deutschlands auftauchen, unter denen zunächst keine Verbindung ist? Wie will man ein „wahlloses“ Verbrechen recherchieren, gar aufklären?

 

Nun, die „Verbindungslosigkeit“ wird nicht auf Dauer so bleiben, ein wichtiger, erster Schritt für den gerade sich wieder im Dienst befindlichen Nicolas Eichborn (nachdem er vor einiger Zeit angeschossen wurde und eine kurze Weile gar als klinisch tot galt). Und für Helen Wagner, Psychologin, Fallanalytikern, eigentlich vom Chef der Einheit hinzugezogen, um Eichborn ein wenig „Rahmung“ zu verschaffen, ihm den weiteren Dienst zu ermögliche, da dieser von sich aus eher liederlich mit den vorgeschriebenen Terminen bei einem Psychologen umgeht.

 

Und nach ersten Irritationen, einem „aneinander gewöhnen“ (und in dieser Phase bereits deutlicher Hinweise darauf, dass es bei den beiden so „rein beruflich“ nicht wirklich bleiben wird) arbeiten sich das Duo intensiv in den Fall ein, Stößt bald auf „New Horizon“, eine Gemeinschaft, Sekte, Vereinigung, die ein „Persönlichkeitsprogramm“ anbietet (was Ähnlichkeiten mit Vereinen in Richtung Scientology aufweist).

 

„Wir machen Dich neu, wie immer Du sein willst“. In drei Phasen. Erinnerung durchleben. Löschen. Neu „programmieren“. Schrankenlos. Anscheinend.

 

Und durchaus, als die Morde weiter und weiter gehen, immer klarer wird, dass zumindest die je neuen Morde immer wieder mit New Horizon zu tun haben. Aber ist dort auch der Ursprung der Taten wirklich zu finden?

 

Denn was wirklich hinter „dem Programm“ steckt, in welches Nest Eichborn und Wagner stechen werden, wie sich beide, vor allem Eichborn, sehr in Gefahr bringen werden, wie der Assistent beider irgendwann nicht mehr aufzufinden sein wird und was das alles mit den neustens Erkenntnissen über die Funktion des Gehirns und bereits alten Experimenten in diese Richtung zu tun hat, das legt Gerling mit Tempo und in sich geschlossen und logisch im Thriller gelungen vor. Mitsamt der Steine durch egomanische politische Kräfte, die den beiden gerne auch größere Steine in den Weg zu werfen gedenkten.

 

Mitsamt einer überraschenden Wendung zum Schluss, als es daran geht, den wahren „Hintermann“ zu kennzeichnen, aber auch mit Wendungen (nicht nur, aber vorrangig) zum Schluss, mit denen sich Eichborn außerhalb des Gesetzes bewegt und die, vor allem auf der letzten Seite des Buches, den Leser doch mit klaren Anfragen in Richtung gebilligter, ja geförderter Selbstjustiz zurücklassen. Dies wäre im Duktus des Thrillers im Übrigen dann auch nicht unbedingt nötig gewesen.

 

Das Gerling seine Figur des Eichborn hier und da in dessen ständig ironischer Grundhaltung überreizt (und doch in guter Weise auch wieder einfängt), dass dieses „immer einen lockeren Spruch“ auf Dauer an manchen Stellen eher pubertär-unsicher denn „locker und tough“ wirkt, stört zwar hier und da den flüssigen Ablauf und das eigene Bild eines doch gestandenen Polizisten, der harte Dinge schon erlebt hat, hat aber durch die später überwiegende Ernsthaftigkeit des Mannes keinen grundlegenden Einfluss auf das Lesevergüngen.

 

„Nicolas, Sie sind einer der besten Ermittler, denen ich bislang begegnet bin. Aber Sie sind auch eine Nervensäge“. Und das hier und da im Buch dann auch mal einen Tick zu viel.

 

 

Ein in sich geschlossener und logischer Fall, weitgehend mit Tempo vorangetrieben unter Darlegung von Hintergründen aktueller Erkenntnisse der Neurowissenschaften und späterhin auch zu größeren „Geheimnissen“ übergehend, bietet „das Programm“ spannende Unterhaltung mit (weitgehend) überzeugenden Persönlichkeiten, bei dem der Lesefluss  nur hier und da kurz irritiert wird. Moralisch fraglich bleibt die „endgültige Lösung des Falles“.

 

M.Lehmann-Pape 2014