Bookspot 2018
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V.S. Gerling – Die Ewigen

 

Brandaktuell, spannend und gelungen

 

Es ist ein intensiver Bereich der medizinischen und biologischen Forschung. Seit Jahren, Jahrzehnten bereits, denn es geht um die wohl wichtigste Frage der Menschheit, das Sterben und den Tod.

 

Wieweit die Faktoren für das Absterben von Zellen, das Altern und, am Ende, auf jeden Fall den Tod bereits bekannt und erforscht sind, das liest sich aus diesem neuen Werk von V.S. Gerling ebenso flüssig heraus, wie die Frage, was denn die Folge wäre, würden jene Stammzellen umfassend erforscht und, vor allem, ersetzt werden können.

 

Das hier die schriftstellerische Freiheit üble Nebenwirkungen einbaut (biologische, aber auch psychische) und dabei Menschen sich in ihren Projekten soweit verlieren können, dass sie jeden anderen nurmehr als Gegner und Funktion betrachten und zu allem bereit sind, ihren Vorteil zu schützen, dass ist der sehr gelungene Spannungsanteil am Thriller, der den Leser umgehend und durchgehend fesselt.

 

Plan und Gegenplan, Intrigen und harte Bandagen, Strategien für ein Entkommen und alles dafür tun, dass eben keiner entkommt, das liest sich in den austarierten „Gut und Böse“ Figuren bestens, gerade weil alle Figuren auch mit Brüchen versehen sind, die eine einfache stereotype Einordnung immer wieder durchbrechen und daher dem Leser Gelegenheit gegeben wird, an der inneren Entwicklung der Figuren engen Anteil zu nehmen.

 

Während im Hintergrund durchgehend und, in Teilen, auch sehr plakativ in den Vordergrund rückend, wesentliche gesellschaftliche Fragen geschärft vor Augen geführt werden.

 

Denn wenn es ein Heilmittel gegen „den Tod“ geben sollte, wenn zumindest das Altern weit nach hinten geschoben werden könnte, wer wäre Nutznießer und was wären die Folgen?

 

Interessant dabei ist, dass eigentlich inhaltlich gar nicht unbedingt folgerichtig sein müsste, was Gerling als besondere „Reibungsinstanz“ setzt. Dass nämlich zunächst nur 300 auserwählte, natürlich reiche und einflussreiche Personen, in den Genuss der Behandlung kommen sollen. Gerade weil das auch natürlich anders denkbar sein könnte in einem solchen Roman (ewiges Leben umgehend für alle), ist es faszinierend, dass genau diese einschränkende Richtung logisch, folgerichtig und als Abbild der Gegenwart dem Leser überhaupt nicht unrealistisch vorkommt.

 

Diese Spaltung in „Reich und Arm“, verbunden mit dem unerschütterlich Gedanken, es schon „verdient“ zu haben, „oben“ zu sein und selbstverständlich alle Vorteile der „Hackordnung“ für sich zu nutzen und auszubauen (man achte nur auf das faszinierende Zahlenspiel eines Wissenschaftlers im Buch, was sich aus 300 „Ewigen“ an Zahlen nach 2-3 Generationen entwickeln würde) und der Verlust von Empathie und einfacher Mitmenschlichkeit (selbst bei zunächst aufrichtigen, interessierten und emotional nahen Figuren im Werk) das ist gut recherchiert, verständlich ausformuliert und sprachlich anregend je auf den Punkt gebracht.

 

Auch im Blick auf die Religion, eine kleine Szene nur im Werk, die das Grundthema des Thrillers dennoch bestens auf den Punkt bringt (auch wenn es ans ich wenig um Religion geht im Roman).

 

„Gottes Liebe ist nur gegen Kohle erhältlich. Sie ist käuflich. Und wer nicht bereit ist, zu zahlen, dem wird sie entzogen, verwehrt. Ergebnis: Wer austritt, hat kein Anrecht auf eine kirchliche Beisetzung. Echt ne geile Idee. Sehr werbewirksam“.

 

Ein Problem, das Gerling benennt, das sich durchzieht, Nicht nur im Thriller, auch im Leben. Geld regiert die Welt und alles wird abgewogen und nur jenen gegeben, die es „sich leisten“ können. Ob man es damit auch zugleich „verdient“ hat, das ist dabei keinesfalls gleichzusetzen und darf bei den treibenden Kräften im Werk durchaus bezweifelt werden.

 

Neben einer anregenden, spannenden und flüssigen Unterhaltung bietet Gerling in seinen neuen Werk somit auch jede Menge Stoff für das Nachdenken über die Richtung, in welche die Welt aktuell immer schneller läuft und die Folgen, die am Ende darin bestehen werden, dass Wenige mit allen Mitteln und aller Macht dafür sorgen wollen, alle Vorteile des Lebens alleine auf ihrer Seite zu haben. Der Rest kann dann sehen, wo er bleibt. Was mit dem Ende des Buches nicht enden wird, soviel ist klar.

 

 

Eine sehr zu empfehlende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2018