Bookspot 2015
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V.S. Gerling – Falsche Fährten

 

Flüssiger Thriller zu interessantem Thema

 

Ein toter, alter Arzt. Ein zweiter, toter, alter Arzt. Ein dritter Mord. An einem alten Arzt. Einer der Toten mit Spuren von Folterungen an den Fußsohlen.

 

Und das werden nicht die einzigen gefährdeten alten Ärzte im Buch bleiben.

 

Ein Ermittler mit über 25jähriger Diensterfahrung, der grundlegend Konventionen gegenüber kritisch eingestellt ist, der sich seit seinem letzten Fall mit den harten Realitäten in den Reihen der Mächtigen des Landes konfrontiert sieht, der diesen Fall nur mit Mühe überlebt hat, dafür aber die Liebe nun erleben darf. Und einiges an Härte im Leben dazu gelernt hat.

 

Männer, die auch in diesem Fall im Hintergrund Strippen ziehen, in die eine oder andere Richtung. Und manche dieser Strippen reichen weit in die Vergangenheit, ohne in der Gegenwart ihre tödliche Gefahr verloren zu haben.

 

Bevor aber Nicholas Eichborn und seine (neue) Lebensgefährtin Helen Wagner sich intensiv mit diesen merkwürdigen, so grundlos erscheinenden Morden auseinandersetzen können, werden sie zunächst mit Strippenziehern in den eigenen Reihen zu tun haben. Denn vor allem Eichborn hat sich Feinde gemacht an höchsten Stellen in seinem letzten Fall.

 

Männer im Staatsdienst (oder zumindest nahe dran), die ihm nicht nur einen Knüppel zwischen die Beine werfen wollen, sondern ihn gerne ganz aus dem Dienst, aus ihrer Nähe, aus seiner Position zu entfernen wünschen.

 

Eine Situation, in die auch  die Familie von Helen zumindest am Rande mit einbezogen wird, in der in der Beziehung des frisch verliebten Paares sich die Vertrauensfrage stellen wird und in der, neben der privaten Ebene der Ereignisse, beide zudem auf die Spur eines alten „Geschäftsgebahrens“ kommen, das zu Zeiten seine Opfer gekostet hat und das auch in der Gegenwart noch in gleicher, perfider Art und Weise (nur an anderem Ort) angewandt wird.

 

So vermischen sich Interessenlagen und Interessensgruppen in gegenseitigen Intrigen, in kühler Abwehr der internen Ränke durch Eichborn, in einem „Aufräumen“ einer Gruppe einflussreicher Männer in Form kalter Morde und einer Form der „heißen Rache“ durch wiederum den ein oder die anderen Beteiligten.

 

Klar, dass es dauert, bis sich die einzelnen Fäden miteinander verbinden, in diesem in sich logisch konstruierten und zum Ende hin zunehmend spannend sich gestaltetem Fall, in dem Gerling zudem geschickt die „Beziehungsfrage“ zwischen Eichborn und Wagner sich vertiefen lässt.

 

Bis in die Nebenfiguren hinein gestaltet Gerling dabei interessante Persönlichkeiten, mal burschikos wie den „Interimschef der Behörde“, mal nachdenklich wie den erkrankten „eigentlichen“ Chef, mal subtil und hintergründig, wie jenen „Mann im Hintergrund“, an dem  die „Systemfrage“ für den Leser realistisch nachvollziehbar wird.

 

Da ist es für Eichborn schon gut, dass dieser „Ebel“, ein professioneller „Problemlöser der stillen, eleganten Art“, sich auf seine Seite begeben wird. Denn was ein perfektes Netzwerken, digitale Ressourcen und ein kluges Vorgehen so alles bewirken können, das stellt Gerling differenziert dar und zeigt dem Leser, dass es in der heutigen Zeit überhaupt keiner schmutzigen Gewalt bedürfen würde, um auch hochgestellte Persönlichkeiten wie einen Bankdirektor in kurzer Zeit zum „parieren“ zu bringen.

 

In manchen Sequenzen des Buches wirkt die Handlung zwar ein wenig komprimiert, die Eigenart des Kommissars Eichborn, sich konsequent und beständig unkonventionell um des Prinzip willens zu verhalten (immerhin aber lernt der Mann im Buch nach 25 Jahren Dienst das Anklopfen an Türen), wirkt hier und da doch ein stückweit überzogen spätpubertär, drückt in weiten Teilen jedoch ganz passend die Distanz Eichborns durch ständige Ironie aus, die Schwierigkeit, näher an ihn heran zu kommen oder, aus seiner Sicht, jemand anderen näher an sich heranzulassen.

 

Dennoch, bei manchen Verhaltensweisen oder Lebensgestaltung (der Besuch zu Hause einmal im Jahr aus einem fast schon albern zu nennenden Grund) ist es des Guten an „Eigenarten“ zu viel. Dies, zum Glück, beeinträchtigt allerdings nur selten die Lektüre.

 

Alles in allem aber ein interessantes Thema aus dem „dunklen“ Geschäftsgebahren der Pharmazie, Nebenhandlungen, die in den Motiven des Neids, der Eifersucht oder der Rachsucht sich passend einbinden und ein Ermittlerduo, dass unkonventionell den Fall löst und ebenso tiefere Wege zueinander findet.

 

Alles in allem eine unterhaltsame und empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2015