Periplaneta, Berlin 2011
Periplaneta, Berlin 2011

V.S. Gerling – Pakt des Bösen

 

Ein Kanzler nach Maß im Angesicht des Bösen

 

Nachdem im Vorgängerbuch Jan Philip Gerling seinen Weg vom eher unbekannten Innensenator Hamburgs zum Bundeskanzler Deutschlands gegangen ist (eine interessante Parallele zu Helmut Schmidt) und in dieser Eigenschaft umgehend mit einer großen, innenpolitischen Verschwörung zu kämpfen hatte, ist dieser „Kanzler nach Maß“ nun konfrontiert mit einer weltweiten Verschwörung, die das an sich schon fragile Gleichgewicht der Kräfte nachhaltig zerstören könnte und eher aus dem Inneren der Machtapparate droht denn von Außen.

 

Dies aber ahnt Gerling zu Beginn der Geschichte noch nicht. Jener Gerling, den der Autor (mit rein zufälliger Namensgleichheit) äußerst idealtypisch anlegt. Aufrecht, ehrlich, mutig. Immer zur Stelle und voller Zivilcourage, das persönliche Risiko scheut er nicht. Ein Mann der Tat. Intrigen, diplomatische Ränkespiele, ständiges, vorsichtiges Überlegen und Taktieren liegen ihm nicht. Zugegebenerweise, ein Kanzler, wie ihn sich sicherlich 2/3 aller Deutschen umgehend wünschen würden, sicher aber kein sonderlich realistisches Bild eines, durchaus auch aufrecht zu verstehenden, politisch erfolgreichen Menschen.

Übrigens auch nicht in allen Teilen des Buches mit einer realistischen Nähe zu politischen Abläufen versehen. Kein Kanzler würde sich heimlich nachts in Afghanistan mit einem Top Terroristen treffen. Schlechterdings ist ein solches Szenario einfach undenkbar und auch die einigermaßen logisch konstruierten Umstände dieses Treffens im Buch machen diesen Part nicht glaubwürdiger. Zudem, wie an Gerling bereits angeklungen, fehlt es doch an Schattierungen in den Personen. Die Guten sind gut, die Bösen böse, Freund und Feind sind klar zu unterscheiden. Hierdurch nimmt der Autor gerade der Hauptfigur Gerling, aber auch seiner Verlobten und vielen der „aufrechten“ Mitstreiter, einiges an Wirklichkeitsnähe und Entwicklungspotential. Das Handeln der Personen ist in weiten Teilen zu berechenbar. Ein Mehr von der Art, wie der Innenminister sich im Buch darstellt, wäre wünschenswert gewesen. Hier liegen Differenzierungen in der Person, vor allem aber im Handeln vor. Der „kann auch dreckig“, möchte man sagen und das verleiht dieser Figur eine wichtige Tiefe.

 

Dies alles aber vermindert die Lesefreude nur ein wenig, denn ansonsten gelingt es V.S. Gerling durchaus, sein Szenario von Außen und Innen packend und realistisch aufzubauen.

 

Mit seiner Mannschaft enger Vertrauter leitet Gerling seit einiger Zeit die Geschicke des Landes und sieht sich internationalen Anschlägen gegenüber. Zeitgleich explodiert in Berlin, aber auch in anderen Hauptstädten Europas, eine Autobombe. Was zunächst aussieht wie ein klassischer Selbstmordanschlag entpuppt sich als minutiös geplantes Kommandounternehmen. Und auch hier folgt man Gerling gerne in seiner Darstellung, dass nicht immer die Islamisten hinter allem Unbill stecken. Die Feindlinie, die er im Buch aufbaut, ist interessant und anders  vor allem deshalb, weil sie beim näheren Hinsehen durchaus in Motiven, Mitteln und Vorgehensweise nicht von der Hand zu weisen wäre.

 

Mit vereinten Kräften, durchaus auch wiederum gegen innenpolitische Gegner, stemmt sich Gerling gegen den „Pakt des Bösen“sowie den drohenden Verlust der Kanzlerschaft. Wobei der Autor auch dies überzeugend gegen das allgemein Bild des Politikers in den Motiven als tatsächlichen Idealismus darzustellen weiß denn als panikerfüllten Machterhalt.

 

Sprachlich bringt V.S. Gerling seine Geschichte mit hohem Tempo voran und dies zum Glück nicht in bluttriefende Richtungen, sondern in vielfach erläuterten politischen Wendungen, bei der die Action sicher nicht zu kurz kommt, aber nicht im Mittelpunkt der Abläufe steht. Wie fragil diese Welt ist, welche Machtinteressen allerorten ihren Vorteil suchen und wie schwierig die Wege auch mächtiger Politiker sind, dagegen zu halten, dass ist die eigentliche Geschichte dieses  Buches und diese hat V.S. Gerling gut und spannend erzählt.

 

M.Lehmann-Pape 2011