KiWi 2016
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Viveca Sten – Tödliche Nachbarschaft

 

Hintergründiger Fall in (sehr) ruhigem Erzähltempo

 

Sanhamn. Schwedische Küstenlandschaft mit fast unzähligen Inseln. Schroff, felsig, aber auch mit schönen Stränden. In der Hochsaison (und diese ist gerade) voller Touristen.

 

Mit einer „auf sich haltenden“ festen Einwohnerschaft. Überschaubar, aber noch lange nicht jeder mit jedem eng befreundet. Und man achtet nicht nur auf sich und auf unausgesprochene, aber wichtige Umgangsformen, man achte auch auf den Nachbarn und auf die Grenzen des eigenen Grundstückst.

 

Und nun kommt da dieser aufstrebende Geschäftsmann daher. Dem Hörensagen nach reich. Reich genug, um sich das größte und attraktivste Haus. Eine Art „fix und fertig Haus“ mit eigener Baukolonne und Innenarchitektin, die in kurzer Zeit eine Art pompöses Wunder vollbringen.

 

Als die Familie samt Kindermädchen und Hauswirtschafterin eintrifft, ist alles bis ins letzte perfekt vorbereitet. Klar, ein solcher Mann achtet nicht unbedingt auf Animositäten. Auch nicht, wenn es ihm um die Länge seines Steges am Strand geht (der auf das Grundstück eines nun sehr erbosten Nachbarn reicht).

Auch nicht, wenn er beschließt, einen Zaun zu bauen, um den bis dahin freien Zugang zum Strand und Grundstück zu verhindern.

 

Wobei dieser Carsten Jonsson aus unerfindlichen Gründen äußerst unausgeglichen wirkt. Was nicht nur damit zu erklären sein wird, dass die ein oder andere Spannung in seiner Ehe gerade vorhanden ist (seine Frau möchte viel lieber an einem anderen Ort sein, findet nichts an Schweden und zieht sich immer mehr in eine Art inneres Schneckenhaus zurück). Was vielleicht auch mit seiner persönlichen Lebensgeschichte zu tun haben könnte. Ahnt man zumindest nach den ersten Ereignissen im Roman.

 

Eine große Party soll alles richten. Die Gemüter beruhigen, Bekanntschaften ermöglichen, der Ehefrau einen Start im neuen Umfeld bieten.

 

Doch alles läuft aus dem Ruder. Vom Alkoholgehalt mancher Gäste (und des Hausherrn) angefangen bis zu einem Toten, der am nächsten Tag furchtbar zugerichtet gefunden werden wird.

 

Und obwohl Kommissar Thomas Andreasson kurz vor seinem wohlverdienten und lang geplanten Urlaub steht und obwohl der selbige Kommissar noch ganz andere Zukunftsaussichten mit sich trägt und zudem stark an seiner inneren Motivation nun immer wieder arbeiten muss, ein solcher Fall geht (immer noch) für ihn vor Urlaub und private Überlegungen.

 

Vor allem, als klar wird, dass durchaus Motive für ein solches Desaster zu finden wären. Auf verschiedenen Seiten von Einwohnern, Nachbarn, bei Teilen der Baukolonne und vielleicht sogar innerfamiliär. Nur eine klare Spur, die wird lange auf sich warten lassen. Was Andreasson zunehmend beunruhigt. Denn wer weiß, ob dieses Ereignis nicht der Anfang einer ganzen Kette von brutalen Übergriffen sein könnte.

 

Viel Zeit lässt sich Viveca Sten, wieder einmal, nicht nur ihre Personen, sondern auch die Landschaft, die besondere Atmosphäre Sandhamns zu schildern. Trotz der kurz gehaltenen Kapitel und der häufigen Perspektivwechsel schlägt dies erkennbar auf das Tempo der Ereignisse. Immer noch ein Hintergrund oder eine Querverbindung wird vor Augen geführt, bis das der rote Faden des eigentlichen Verbrechens fast aus dem Blick gerät.

 

 

Andererseits bietet sich dem Leser so die Möglichkeit, sich den Charakteren im Buch von allen Seiten und sehr gründlich zu nähern. Was anregend zu lesen ist, dennoch auch auf deutlich weniger Seiten seinen Platz hätte finden können. So dauert es, bis dann doch zum Ende hin auch eine gehörige Portion Spannung die Lektüre belebt.

 

M.Lehmann-Pape 2016