Volker Kutscher – Lunapark

 

Atmosphärischer dichter, gesellschaftlich präziser und spannender Kriminalroman

 

Bis in die Kleinigkeiten hinein gelingt es Kutscher immer wieder, die Atmosphäre der Zeit der frühen Machtergreifung der Nationalsozialisten, die persönlichen „Beziehungsgeschichten“ der Figuren und einen durchaus auch spannenden und interessanten Kriminalfall miteinander in bester Form zu verbinden.

 

Dass da nicht „geduscht“ wird, sondern „gebraust“, dass da kein „Taxi“ gerufen wird, sondern eine „Kraftdroschke“, dass da kein „Telefon“ steht, sondern ein „Fernsprecher“, das sind zwar für die Geschichte nur Kleinigkeiten am Rande, aber gerade diese Stringenz in das Abtauchen jener Zeit hinein ist es, die das Buch zu einem sehr anregenden Gesamterlebnis machen.

 

Das Gereon Rath sich geschworen hat, keiner politischen Partei beizutreten, auch in Abgrenzung zu seinem politisch umtriebigen Vater in Köln und dennoch in dieser Maxime hier und da ins Schwanken gerät, wenn er sieht, wie andere „in der neuen Zeit“ durch ihre Gesinnung schnell an ihm vorbeiziehen, dann ist das ebenso für die Entwicklung der Figuren von Bedeutung, wie der „Blick hinter die Eingangstür“, wenn die Reibungen in der Beziehung zu seiner „modernen“ Ehefrau (liberal gesinnt und mit eigenen, beruflichen Ambitionen ausgestattet) hier und da in den Mittelpunkt der Geschichte treten.

 

Das, nebenbei, tot, zu Tode geprügelte SA-Männer in einer Zeit, in der die SA schalten und walten konnte fast wie sie wollte, keine einfache Aufgabe für einen Ermittler darstellen, ist von Beginn an klar (schon im Prolog werden Grundlagen für den gesamten Fall gelegt). Das Teile der SA eine wenig legale Lebensgeschichte aufzuweisen haben und damit per se einem überzeugten Hüter von „Recht und Ordnung“ ein Dorn im Auge sind (und umgekehrt), das sorgt schon bei den „ganz normalen“ Ermittlungen für gefährliche Momente und eine bedrückende Atmosphäre, die Kutscher bestens inszeniert und emotional spürbar in den Raum setzt.

 

Wenn dann dazu noch die frisch gegründete „GeStaPo“ mit ganz eigenen Interessen an den Ermittlungen beteiligt ist und Charly, Raths Ehefrau genau in dieses Gefahrenfeld gerät, weil sie einer alten Freundin helfen will, dann ist im ersten Teil des Buches alles vorbereitet für eine sich stetig steigernde Spannung im weiteren Verlauf der Geschichte bis zum knisternden Ende hin.

 

Wobei Kutscher sich ebenfalls (im Buch in Maßen, aber dann eindrücklich, eingesetzt) darauf versteht, auch Härte zu zeigen und manche Schilderungen von Gewalttaten dem Leser gute Nerven abverlangen.

 

Wie das ist, wenn die „neuen Herren“ „aufräumen“, wenn Straßenzüge gesperrt werden, um Menschen wie Vieh zusammenzutreiben, wenn Mitläufer und glühende Idealisten mehr und mehr Raum einnehmen und man nicht mehr weiß, mit wem man ein einigermaßen offenes Wort reden darf, wenn die falsche Musik auf einer Party zu drastischen Folgen führt, all das vermittelt Kutscher ganz hervorragend. Im Wechsel der Perspektiven legt er zugleich ein Netz der Indizien aus und führt jederzeit sicher die verschiedenen Erzählfäden nebeneinander her, bis sich dies zum Ende hin zu einem Gesamtbild hin entfaltet.

 

 

Eine, wieder einmal, hervorragende Lektüre mit differenzierten Figuren, in denen es nicht einfach um „gut“ und „böse“, um „Helden“ und „Schurken“ geht, sondern mit sehr vielen Schattierungen mit den Personen und der Geschichte umgegangen wird.

 

M.Lehmann-Pape 2016