cardez! 2012
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Werner Geismar - Cattenom

 

Realistische Katastrophenschilderung in filmreifer  Romanform

 

Was wäre, wenn ein Super Gau mitten in Europa, an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich stattfinden würde?

 

Aus Cattenom, dem französischen Kernkraftwerk in der Umgebung des Saarlandes und Metz sind in den letzten Jahren durchaus so einige „Störmeldungen“ publik geworden, die das Szenario des Romans durchaus näher rücken lassen.

Ein Thema, dessen sich Werner Geismar  ausführlich annimmt (wobei die Bezeichnung als „Thriller“ in Bezug auf dieses Buch eher nicht wirklich zutrifft) und das er, nach einem ein wenig holprigem Start, sowohl in den vielfältigen Personen, wie auch in den klug und durchaus realistisch dargestellten Abläufen flüssig und spannend vor Augen führt.

 

Sicher wirkt es etwas konstruiert, welche Faktoren an Wetter und „Flugzeugentführung“ im Buch zusammenkommen, um die Katastrophe auszulösen. Dies macht Geismar aber leicht wieder wett, indem er den Leser mitten hinein zieht in diesen GAU e samt der vielfachen Versuche der Krisenbewältigung. Durchaus Sympathieträger erschafft er als tragende Figuren, lässt aber auch nicht aus, einen ebenso harten realistischen Blick auf den Zynismus und die rein egozentrische Gesinnung mancher „Mächtigen“ in Wirtschaft und Staat zu werfen.

 

In der Nebenfigur des Marc, die eher zufällig in die Geschehnisse hineinstolpert, bietet Geismar dieser egozentrisch-gierigen Gesinnung des modernen „Geldmachers“ eine Bühne im Buch, mittels derer er durchaus einen Spiegel vor Augen hält (hier und da zwar ein wenig plump und zu überzogen, auch im Ausdruck, aber durchaus treffend).

 

Wenn dann noch Laientum hinzutritt und von politischer Seite kopflos falsche Entscheidungen getroffen werden, dann wird das Chaos spürbar perfekt im Buch. Ein Chaos, das unerbittlich geschildert sich seinen „Weg frisst“, unaufhaltbar.

 

Filmreif liefert Geismar vielfache Szenen ab, die durchaus verglichen werden können mit „The day after“ und darüber hinaus auch die spätere Zukunft nach einem solchen Unglück in nüchterne Fakten und Schicksale packt.

 

Nicht verschwiegen seien einige handwerkliche Mängel, die stutzen lassen. Warum eine der Hauptfiguren, „Walter“, im Prolog (nach ihrer Einführung als „Walter“) konsequent „Werner“ genannt wird, um dann zu Beginn der eigentlichen Geschichte doch wieder Walter zu sein, das wissen nur Autor und Lektor. Die Einführung des Raben „Jack“ ist ein Fremdkörper, die 19jährige Tochter Walters wirkt eher wie eine Grundschülerin und das es späterhin eine von Walters Sorgen sein wird, seiner Tochter den Verlust deren Computers beibringen zu müssen, stört auch eher, als das es die Geschichte befördert.

 

Dies aber sind letztlich Kleinigkeiten, die im großen Ganzen der intensiven Geschichte wenig Abbruch zufügen. Wobei es dem Autor anzurechnen ist, nicht in Polemik zu verfallen oder zu in der Atomkritik sprachlich zu überziehen, sondern gerade in seiner sachlichen Darstellungsweise dem Leser vor Augen zu führen, welche Gefahren tatsächlich drohen.

 

Alles in allem ein gut erzählter und realitätsnaher Roman, der minutiös nachvollzieht, was im Falle eines GAU´s mitten in Europa zu erwarten wäre.

 

M.Lehmann-Pape 2013