Suhrkamp 2013
Suhrkamp 2013

William Shaw – Abbey Road Murder Song

 

Klassischer Kriminalroman

 

Die Forensik in den Kinderschuhen, Handys völlig unbekannt, Computer kommen nicht vor im Alltag der Ermittlungsarbeit. Stifte, Notizblock, Zeichnungen, Zettel, das sind die Hilfsmittel der Kriminalpolizei im London von 1968.

 

Inmitten einer Gesellschaft im Umbruch. Alt gegen Jung. Tradition gegen Moderne, Schlaghosen gegen den Wunsch, einmal „bessere Anzüge als der Vater“ tragen zu können.

 

Und Beatlemania. An deren Rückseite (das Abbey Road Studio ist vom Fundort der Leiche aus von hinten noch zu sehen) beginnt der Fall des Detektive Cathal Breen. Übrigens nicht die letzte Verbindung des Opfers zu den Beatles.

 

Wobei Breen momentan eigentlich den Kopf gar nicht richtig frei hat für diesen Fall. Der Vater, den er sechs Jahre lang gepflegt hat gerade gestorben. Er selbst hat einen Kollegen in gefährlicher Situation im Stich gelassen, die Nerven waren durchgegangen. Am Tatort übergibt er sich beim ersten Anblick der Leiche und dann wird ihm auch noch die erste Frau, die den Weg in den „echten“ Polizeidienst sucht, als „Auszubildende“ an die Seite gestellt. Jede Menge Momente, die im Team der reinen Männerrunde der Mordkommission für jede Menge Anzüglichkeiten sorgen. Männer, die Breen ob seiner Feigheit und seiner persönlich überlegten Art an sich bereits auf dem Kieker haben.

 

All dies stellt Shaw in seiner unaufgeregten Schreibweise vor Augen des Lesers und bringt dies fühlbar und fassbar in Verbindung mit der Atmosphäre der „Rückseite“ des „Swinging London“. Die Hinterhöfe, die Ressentiments gegen Fremde und solche, die anders wirken als es die Tradition vorschreibt, begegnen auf jeder Seite dieses Kriminalromans.

 

Eine Zeit, in der ein Mann sich eher die Hand abhacken lassen würde, als diese in die Handtasche einer Frau zu stecken um dort Kaugummi zu suchen. Eine Zeit aber auch, die von derben Zoten und offensiven Annäherungsversuchen an alles Weibliche, was sich nicht umgehend massiv zur Wehr setzt, geprägt ist.

 

Ein Setting, dass nicht von Verfolgungsjagden, blutrünstiger Spannung oder massiv gefährlichen Ermittlungen lebt, sondern  von der soliden, assoziativen und ruhigen Ermittlungsarbeit Breens und seiner neuen „Partnerin“.

Eine Hauptfigur im Übrigen, die Shaw als „Kind ihrer Zeit“ anlegt.

Mit Bedürfnissen (auch, was Frauen angeht) und doch der Unmöglichkeit, diesen einfach so nachzugehen. Eine Frau mit Anstand zu sein und ein Mann mit Manieren, dass ist zentral im Umgang der Geschlechter miteinander zu jener Zeit und das stellt Shaw deutlich heraus.

Eine geordnete Welt voller Zwang und Verkrampfung auch, in der die „neue Welt“ und neue Offenheit bedrohlich einbricht und auf deutlichen Widerstand trifft. Auch bei den Eltern des Opfers, im Übrigen. Eine bigotte Welt, wie Shaw ein um das andere Mal darstellt.

 

„Sie war Fan, sie liebte die Musik“.

„Wenn man das so nennen kann“.

 

Und nun ist sie tot. Jung. In einem Hinterhof neben den Mülltonnen abgelegt. Und keine Spur. Keine Idee, was da Geschehen sein könnte.

Der schwarze Chirurg, der neu ins Viertel gezogen ist und argwöhnische Blicke auf sich zieht? Der alleinstehende Rentner und Bewohner des Hauses? Jemand aus der „Szene“ der Langhaarigen? Wer ist der Mörder und was ist sein Motiv?

Eine Tat, die sich im weitern Verlauf auch zu einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Frage hin entfalten wird.

 

Shaw bietet einen durchaus intelligenten Mordfall und differenziert gezeichnete Figuren auf, die in der treffend dargestellten Atmosphäre Londons 1968 ein stimmiges Ganzes ergeben. Wobei sein Stil phasenweise doch zu ruhig und zu breit angelegt ist, um durchgehend zu fesseln. Ein wenig mehr handfester Ereignisse und eine hier und da gestraffte Entwicklung der Beziehungen zu- und untereinander hätte dem Buch gut getan.

 

M.Lehmann-Pape 2013