Suhrkamp 2015
Suhrkamp 2015

William Shaw – Kings of London

 

Atmosphärisch dicht und intelligent erzählt

 

Nach „Abbey Road Murder“ gibt William Shaw dem Leser nun Gelegenheit, Cathan „Paddy“ Breen und Helen Tozer erneut bei den Ermittlungen eines vertrackten Falles zu begleiten. Ein Fall, bei dem zwar übel zugerichtete Tote die ersten Seiten und Kapitel säumen, aber Fäden, an denen Ermittlungen ansetzten könnten, zunächst Mangelware sind.

 

Denn was hat der (tote und „geschälte“) Sohn eines Staatssekretärs mit einem erschossenen, nachweislich korrupten  Es-Polizisten zu tun? Und wer ist diese dritte, unbekannte, verkohlte und verbrannte Leiche, vor der Paddy Breen zu Beginn des Romans steht, während sein Vater seine letzten Atemzügen in einem anderen Krankhaus aushaucht?

 

Das im London des Jahres 1968 zur Klärung dieser Morde und Todesfälle verschlungene Wege gegangen werden, das gibt dem  Kriminalfall im weiteren Verlauf die rechte Würze an Verdächtigen, dennoch im Lauf der Ermittlungen eher irritierten Polizisten und dem Leser eine harte Nuss zum 

knacken, die sich erst am Ende des Romans Schritt für Schritt aufklären wird.

 

Es ist eben  nicht alles klar und eindeutig, schwarz oder weiß in jener Zeit. Weder in den Todesfällen noch in dem, was die Angehörigen (allen voran der Staatssekretär und die Ehefrau des toten Ex-Polizisten) hinter ihrer äußeren Haltung verbergen.

 

Wie so gut wie alle Personen des Romans einen mindestens doppelten Boden besitzen und hinter den Fassaden durchaus Begierden und dunkle Abgründe lauern.

 

Beim einen ist es die Gewalt gegen frisch Inhaftierte und die Sorge, zu sehr nach dem eigenen Vater zu geraten (gerade jetzt, wo die Ehefrau schwanger ist), bei einem anderen tobt unerkannt Eifersucht, die sich nicht in „guten Gesprächen“ erklären will, sondern den vermeintlichen Konkurrenten einfach auszumerzen gedenkt. Während das ein oder andere Frauenherz im Buch eigene Interessen verfolgt.

 

Das da ein Paddy Breen, noch in Trauer um seinen Vater, noch mit Gefühlen der Schuld diesem gegenüber befrachtete, oft eher verwirrt zwischen all dem steht und auch in seiner Beziehung zu Helen Tozer nicht richtig weiter kommt, verwundert da nicht.

 

Gibt dem Leser aber Gelegenheit, an der Seite Paddys wilde Galerien und Kunst-Happenings zu besuchen (wo er John und Yoko erleben wird), merkwürde Bilder zu betrachten, makrobiotisch-undefinierbares zu essen, in die höheren Riegen der Politik zu schauen (und die Abgründe hinter deren Fassaden kennenzulernen) und sich lange Zeit an einer der Hausbesetzerkommunen die Zähne auszubeißen (mitsamt der Krishna Bewegung, Dem Guru Aspekt und letztlich doch einfach schnödem, desillusionierenden kriminellen Motiven hinter all dem).

 

Das vermeintlich „bunte freie“ Londons 1968 und das dennoch oft dominierende grau in grau, die Verhältnisse für Frauen als Polizistinnen (ganz an den Rand geschoben) und die Klassengesellschaft, die alles tut, um zusammenzuhalten gegenüber dem Pöbel, all das beschreibt Shaw ebenso trefflich, wie das Leben im Souterrain, der Strom nur gegen Münzen, die wein- und bierselige Atmosphäre der „harten Jungs“ in er Polizeidivision („Wir sind die Kings of Londen“ und bricht all dieses an der harten Realität eines Lebens, dass ich zwar im Äußeren folkloristisch verändern mag, im Inneren aber das alte Haifischbecken des „jeder ist sich selbst der nächste“ auch mit langen Haaren und bunter Kleidung nicht ablegen wird.

 

Ein spannender, im Ton wunderbar lakonisch und in der Atmosphäre hervorragend getroffener Roman mit einem interessanten Fall und überzeugenden Ermittlerfiguren. In dem das „gute Herz“ und der „Versuch der ehrlichen Widergutmachung“ wenig Anhalt in der Wirklichkeit des Romans finden.

 


M.Lehmann-Pape 2015