A.Knaus 2012
A.Knaus 2012

Wolfgang Brenner – Aber Mutter weinet sehr

 

Trauer und Hass einer Mutter

 

Höhen und Tiefen hat dieser, im wahrsten Sinne der Bezeichnung, Psychothriller durchaus aufzuweisen.

 

Einerseits eine überzeugende Geschichte, die von überzeugend angelegten Protagonisten getragen wird und in deren Fokus die inneren Befindlichkeiten der einzelnen Personen, vor allem aber deren Beziehung untereinander steht.

 

In durchweg recht einfacher Sprache bringt Brenner seine Geschichte temporeich voran. Er verzichtet dabei meist auf bildreiche Ausschmückungen im Ablauf und legt auch nicht seitenweise „Innenschauen“ vor. Kleine Gesten zwischen den Personen sind es zu meist, die dennoch präzise die Verhältnisse beleuchten, wie ebenso allein die präzise Schilderung von Situationen Belastungen das innere Erleben der Personen deutlich in den Raum setzen.

 

„Sie verachtete Robert deswegen. Nicht, weil er einen ..... Kriminalbeamten bewunderte, sondern weil er sie damit zurücksetzte“.

 

Ein einfacher Satz, der durchaus die Beziehung von Maria zu ihrem Mann Robert zu guten Teilen in sich trägt. Maria und Robert, deren Sohn Johannes verschwunden ist. Spurlos. Nerven zerrüttend für die Mutter vor allem, wie Brenner Seite für Seite darzustellen versteht. Nach dem fast letzten Mittel, einem Fernsehaufruf, erhält Maria tatsächlich Kontakt zum Entführer. Er spielt ihr das Handy ihres Sohnes zu, nimmt darüber Kontakt auf und trifft sich heimlich mit ihr. Maskiert natürlich. Doch beim kleinsten Widerwort verschwindet er immer wieder und lässt Maria im Unklaren, ob er sich noch einmal meldet oder nicht. Und irgendwann bricht er den Kontakt tatsächlich vollständig ab.

 

Ein Jahr später begegnet Marie einem Ehepaar im Wald. Und sie erkennt in dem Mann den Entführer ihres Sohnes. Mit allem, was sie hat, setzt sie sich auf die Spur des Paares und wird im Kräftemessen mit dem Entführer alle mütterliche Kraft und allen persönlichen Hass in die Waagschale werfen. Vor allem, als ein weiters Kind ins Spiel kommt.

 

Diese Konstellation, die inneren Abläufe, die erschöpfende Verzweiflung der Mutter, die Suche nach dem wiedererkannten Entführer, all dies liest sich gut und lässt den Leser am inneren Erleben in und zwischen den Personen teilhaben.

 

Dass allerdings im Nachgang der Täter einfachen Stereotypen entspricht und diese in der geschilderten Form undifferenziert weiterhin beim Leser massive Vorurteile schüren können, das vor allem sogar von „Amtseiten“ her im Buch indirekt, aber völlig erkennbar Selbstjustiz als Lösungsmöglichkeit in den Raum gestellt wird (mit Verweisen auf die Schwächen des bundesdeutschen Strafsystems), das hinterlässt doch einen unangenehmen Nachgeschmack. Folgt man der Logik des Kommissars im Buch, kann man letztlich gar nicht anders (egal, wie es im Buch selbst weiter- und ausgehen wird), als der Gedankenfolge zu folgen: Sexualstraftäter sind nicht heil- oder belehrbar, werden nicht und nie ausreichend bestraft in Deutschland, weil sich immer ein Tölpel von Gutachter findet, der eine Empfehlung zur Freilassung aussprechen wird. Aus all dem folgt, das der wohl einzig wirklich ein solches Problem lösende Weg der sein kann, den entsprechenden Sexualstraftäter „eigenhändig“ aus dem Verkehr zu ziehen.

So nachvollziehbar im Buch dieser Gedanke sich auch aufdrängen mag (auch bei „Ein Mann sieht rot“ konnte man das individuelle Handeln ja verstehen), es ist schon undifferenziertes Gedankengut, und ein nicht akzeptabler Aufruf.

 

So verbleibt eine gut und, vor allem, psychologisch spannend erzählte Geschichte mit überzeugend „fühlenden“ und knisternd aufeinander treffenden Personen mit durchaus bedenklichem Gedankengut, was mögliche Lösungen des Falles im  Buch angeht. Von dem her ist der Thriller nur bedingt zu empfehlen.

 

M.Lehmann-Pape 2012