C.Bertelsmann 2012
C.Bertelsmann 2012

Wolfgang Kaes – Das Gesetz der Gier

 

Die Kluft zwischen Reich und Nicht-Reich

 

Eine Altenpflegerin muss für durchschnittlich 1753 Euro Brutto einen ganzen Monat lang hart arbeiten, Josef Ackermann für den gleichen Betrag nicht einmal eine Stunde. In diese Statistik passt durchaus auch das Wort des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder: „Der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen hat natürlich mehr Macht als ich“.

 

Eine Macht, welche die „Lenker und Macher“ der Wirtschaft (und Politik bis in höchste Staatsämter hinein)  seit je her wohl bereits weidlich ausnutzen. Subventionen kassieren und dann an den nächst billigeren Ort weiterziehen. Oder, wie im Buch als „Initialzündung“ des Thrillers beschrieben, zu „tödlichen“ Bedingungen billig Jeans in der Türkei herstellen.

 

Beobachtungen, die der Journalist  und Reporter Wolfgang Kaes zur Grundlage seines neuen Thrillers um das ehemalige Kölner „Problemkind vom Eigelstein“, David Manthey, setzt. Der Ex-Polizist ist kurz in Köln, um seinen Ziehonkel Günter Oschatz zu besuchen. Nach einem Jazz Konzert erleidet der versierte Jazz Musiker Oschatz einen Herzinfarkt und bittet David, seinen Bruder zu suchen, den er seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

 

Ein Bruder, soviel weiß der Leser bereits, der Jahrzehnte lang treu seinen Dienst als farbloser Buchhalter der Textilfirma Hellberg versehen hat und der nun, kurz vor der Rente, sein Gewissen spürt. Er kennt alle beruflichen und privaten Schweinereien des Firmenpatriarchen und seiner Schwiegertochter, weiß, dass Geld beiseite geschafft wurde, weiß auch Bescheid um unhaltbaren Arbeitszustände in der Türkei, die bereits 5.000 jungen Männern das Leben gekostet hat. Bernd Oschatz greift sich belastende Unterlagen, unterschlägt einige Millionen Euro und schließt sich heimlich einer Protestbewegung an, um die gesamte Firma Hellberg unter Druck zu setzen. Und wird ab dann durch die Firma gejagt.

 

Die „Gier des Kapitalismus“, das ist das eigentliche Thema des Reporters Kaes, welches er klar und vordergründig in den Raum seines Thrillers setzt. Spannend setzt, denn der Leser begleitet David Manthey und die Polizistin Antonia Dix auf ihrem Weg in den Sumpf der Hintergründe des Verschwindens von Bernd Oschatz und des Todes eines türkischen Arztes, der nach Köln gereist ist, um die Verantwortlichen der Firma zu konfrontieren.

 

Klar, direkt in der Sprache und mit Tempo bringt Kaes seine realistisch angelegte Geschichte voran, in der er, ein guter Reporter eben, nicht mit seitenlangen Statistiken arbeitet, sondern die Kernaussagen der „Gier“ der Reichen nach immer mehr ständig im Hintergrund mitschwingen lässt und die Motive für alle möglichen Intrigen, Verbrechen und Unterschlagungen damit offen legt. Ebenso, wie er ast lässig nebenbei darauf verweist, wie stark der „Normalbürger“ dem hilflos ausgesetzt ist und zudem natürlich die Risiken des Kapitalismus für die Reichen noch ausbügelt.

 

In der Lösung, die Kaes anbietet und in manchen anderen pathetischen „flammenden“ Reden im Buch wirken seine Ausführungen zwar in Teilen einfach platt und teils unglaubwürdig, in Stil, Spannung, treffend ausgeführten Charakteren und fundierter Recherche aber ist das Buch, wie schon das vorhergehende, ein echter Treffer. Ein Buch, in dem Kaes mit Sorge den Auseinanderfall der Gesellschaft vor Augen führt. Da, wo der, der unbequem wird, nach interner Absprache ein Super Angebot einer Konkurrenzfirma bekommt, das er nicht ablehnen kann und dann dort in der Probezeit entlassen wird. Problem gelöst. So einfach geht das heutzutage.

Damit legt Kaes seinen Finger auf eine sich ständig weiter verbreitende und vertiefende Wunde des Patienten „Gesellschaft“ als Opfer des Raubtieres kapitalistischer Gier. Indem er einfach erzählt und einen Thriller drum herum baut, nicht indem er den moralischen Zeigefinger überlebensgroß aus dem Buch herausstrecken würde.

 

Ein durchdachter und guter Thriller mit leichten Schwächen in der ein oder anderen Lösung, der das große öffentliche Unbehagen angesichts der rücksichtlosen Gier bei durchaus vielen Wirtschaftsmächtigen auf den Punkt erzählt und zur Grundlage der Geschichte macht.

 

M.Lehmann-Pape 2012