Heyne 2013
Heyne 2013

Wulf Dorn – Phobia

 

Grausame „Erziehungsmaßnahme“

 

Noch geht Sarah Bridgewater davon aus, dass alles in bester Ordnung ist mit dem Leben, ihrem Mann, ihrem Kind. Auch wenn sie ihre aussichtsreiche Karriere im Verlag erst einmal ruhen lassen muss, weil nicht wirklich fassbare Ängste auftreten und sie sich einfach aktuell nicht mehr in Räumen mit vielen Menschen im Verlag aufhalten kann.

 

Aber ansonsten ist das doch ein wunderbares Leben in der kleinen Familien,  ein Leben auch ohne allzu große finanzielle Sorgen. Bis zu diesem Freitag.

 

Ihr Mann Stephen wollte doch das Wochenende geschäftlich auswärts verbringen, warum nun hört sie ihn so früh am Abend, das Haus betreten. Die vertrauten Schritte, der Schlüssel am vertrauten Ort, das Öffnen des Kühlschranks, alles, wie ihr Mann das zu halten pflegt, wenn er nach Hause kommt. Auch der Anzug ist der Ihres Mannes, die Schuhe, nur nicht der Mann der darin steckt. Ein Fremder steht mit Stephens Kleidung und seinem Aktenkoffer in der Küche. Ein Fremder, der sich ziemlich gut auskennt. Was Sarah angeht, die Gewohnheiten der Familie, die kleinen Zeichen der Vertrautheit.

 

Knapp entkommt Sarah mit ihrem kleinen Sohn der bedrohlichen Situation, nur um in einem Alptraum des Lebens sich wieder zu finden. Ihr Mann entführt, der Fremde nimmt Kontakt auf, behauptet, Stephen zu sein, die Polizei glaubt ihr nicht und niemand kümmert sich wirklich. Weder um sie noch um die Ermittlungen, was ihren Mann angeht.

 

Schnell wird klar, hier hat einer sich sehr gründlich vorbereitet und einen durchdachten Plan, den er Schritt für Schritt umsetzt. Was aber genau das Ziel des Mannes ist, warum er das alles tut und was mit Stephen geschehen ist, das wird sehr überraschende Wendungen im Buch annehmen. Denn es geht nicht um Paranoia oder Mordlust, nicht um Stalking oder persönliche Rache. Die „Angst im Kopf“ ist es, die der Fremde im Blick hat. Denn im Leben von Sarah und ihrem Mann ist längst nicht alles so, wie es oberflächlich zu sein scheint.

 

Motive und Entwicklungen, die erst im zweiten Teil des Buches durch die Hilfe eines alten Kinderfreundes (der eigentlich genug mit sich und seiner traumatischen Vergangenheit zu tun hat), Sarah zur Seit steht.

 

Wirklich spannend wird das Buch bei all dem allerdings nur selten und das auch nur zu Beginn der Geschichte. Zwar konzipiert Dorn eine durchaus interessante „Motivlage“, so manches an Eskalation wird allerdings zu sehr „wie am Rande“ erzählt und erreicht den Leser emotional wenig. So ist es nicht verwunderlich, dass auch das Interesse des Leser in dem Augenblick erlahmt, in dem deutlich wird, worum es dem Fremden in Bezug auf Sarah eigentlich geht (und das ist doch bereits einiges vor dem Ende des Buches der Fall).

 

Eine interessante Idee, sprachlich routiniert und gut fassbar umgesetzt, der es in letzter Konsequenz aber an der inneren und äußeren Spannung fehlt, um durchweg zu fesseln.

 

M.Lehmann-Pape 2013