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Y.S.Lee - Mary Quinn – Ein verhängnisvoller Auftrag

 

Viktorianische geheime Ermittlungen

 

Ein äußerst geschickter Kunstschmuggler ist im London des Jahres 1858 am Werk. Durchaus ist es so, dass Verdachtsmomente vorliegen, Master Thorold ist im Visier der Ermittler, aber nachzuweisen ist ihm lange Zeit nichts.

 

Eine gute Gelegenheit für jene geheime Organisation, die Scotland Yard zuarbeitet, in Mary Quinn, einem jungen, gerade 17jhrigen Mädchen, Waisenkind, eine neue Geheimagentin anzuwerben und auf den Fall anzusetzen.

Mary, die trotz ihrer jungen Jahre bereits eine durchaus einschlägige Geschichte als Diebin hinter sich hat und im Alter von 12 Jahren kurz davor war, zum Tode verurteilt zu werden, lebt seit dieser Zeit in einem Mädchenstift und erfährt dort eine, für die Frauen der damaligen Zeit, fundierte Ausbildung. Zur Hilfslehrerin hat sie es bereits gebracht und mehr wäre sicherlich möglich, doch gerne ist ihre abenteuerlustige Natur bereit, dem Ruf zur Spionin zu folgen. Mit ihren Fertigkeiten im Öffnen von Schlössern und ihrer Übung in der Kampfkunst (die durchaus an Emma Peel erinnert), besitzt sie zumindest alle Voraussetzungen, die es für solch geheime Ermittlungen an verbotenen Orten braucht.

 

Im Haushalt der Thorolds als Gesellschaftsdame für die Tochter des Hauses eingeschleust macht sie sich auf den Weg, die verdeckten Machenschaften des Hausherrn aufzudecken. Keine Frage, dass bereits nach kurzer Zeit sich die Gefahr für ihr eigenes Leben am Horizont andeutet und die Schlinge sich enger um die junge Spionen beginnt, zuzuziehen. Gut, dass sie im Lauf ihrer Ermittlungen auch Hilfe erfährt und Verbündete findet und dies an so undenkbaren Orten wie einem Wandschrank.  Zudem fallen im Laufe ihrer Ermittlungen mehr und mehr Verbindungen zu ihrer eigenen, ebenfalls im Dunkeln liegenden, Vergangenheit ins Gewicht, die ihren Nachforschungen noch eine ganz besondere Wendung geben werden.

 

Bis dahin aber lässt Y.S.Lee ihre Protagonisten tief eintauchen in das London des viktorianischen Zeitalters, beschreibt detailliert und treffend die Gesellschaft jener Zeit und baut Seite für Seite mehr Spannung auf durch die von allen Seiten drohenden Gefahren für die junge Agentin. Gefahren durch die Schmuggler selbst, Gefahren aber auch durch die Ermittlungen, die Mary das ein ums andere Mal an die dunklen Orte Londons führt, Orte, an denen eine Frau ganz allgemein bereits Gefährdungen ausgesetzt ist, vor weniger, wenn diese Frau an den falschen Orten die falschen Fragen stellt.

 

In der Sprache flüssig, mit einem bildhaften und plakativen Stil fällt es nicht schwer, der Geschichte zu folgen, die Handlung bleibt jederzeit übersichtlich und auch die handelnden Personen sind treffend und einprägsam skizziert. Ob tatsächlich es möglich gewesen wäre, in der damaligen, starr und straff gesellschaftlich geordneten Zeit mit einem solchen Selbstbewusstsein, wie Mary, als Frau auftreten zu können, bleibt dahingestellt. Andererseits ergeben sich gerade durch den extrovertiert gestalteten Charakter Marys interessante Wendungen und Einsichten hinter die Kulissen der hochherrschaftlichen Häuser Londons, die ein wenig Fantasie in der Gestaltung der handelnden Personen durchaus rechtfertigen.

 

Mehr als eine anregende und angenehme Unterhaltung hat dass Buch von Y.S.Lee allerdings dann auch nicht zu bieten, sowohl der Kriminalfall selber als auch die an ihm beteiligten Figuren lassen es im Gesamten doch an Verwicklungen und Tiefe fehlen. Aber eine solch anregende Unterhaltung bietet das Buh allemal. Die Geschichten um Mary Quinn sind als Trilogie angelegt, der zweite Band wird sicherlich bald in deutscher Übersetzung vorliegt.

 

M.Lehmann-Pape 2010