dtv 2012
dtv 2012

Y.S.Lee – Skandal im Königshaus

 

Mary Quinn zum Dritten

 

In der Reihe eher für junge Leser erscheint nun der dritte Teil der Abenteuer der „Meisterspionin“ Mary Quinn, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für ihre Organisation jeweils Aufträge übernimmt.

 

Der Leser trifft Mary zu Beginn dieses neuen Romans von Y.S.Lee im englischen Königshaus an. Gegenstände verschwinden dort, irgendeiner oder irgendeiner der Bediensteten wird der Dieb oder die Diebin sein, Mary wird als Angestellte eingeschleust und soll die Augen offen halten im Haushalt der Queen Victoria, die als warmherzige Mutter im Privaten eine ganz andere, entspannte Haltung einnimmt als in ihrer Rolle als Königen Britanniens.

 

Noch hat sie keinen Erfolg mit ihren Beobachtungen gehabt, da erhält Sie eine Nachricht ihrer Agentur, die sie aus dem Buckinghampalast abziehen will. Aber nicht mit Mary!

 

„Wenn heute der letzte  Tag war, um an diesem Auftrag zu arbeiten, dann sollte sie ihn lieber nutzen“.

 

Und richtig, gerade an diesem letzten Tage ergeben sich Hinweise. Interessanterweise durch den Thronerben Edward. Hinweise, die nicht nur mit den verschwundenen Kleinigkeiten zu tun haben werden, sondern Mary, wieder einmal, in einen viel größeren Zusammenhang setzten und in große Gefahr bringen werden. Mitsamt (natürlich) auch einem stattlichen Mann, der in Mary zu allem Überfluss noch starke Gefühle hervorrufen wird. Denen sie natürlich nicht wirklich nachgehen kann und in denen sie sich dem Mann auch nicht offenbaren kann, denn sie ist ja weiterhin „Undercover“ mitten im Taumel der Intrigen und Gefährdungen unterwegs.

 

Eine klassische Abenteuergeschichte ist es, die Y.S.Lee nun schon in der dritten Fortsetzung zu Gehör bringt. Verbunden sind alle Teile durch den roten Faden der geheimnisvollen Herkunft Marys, denen Mary immer wieder auch nachgeht. Und durch das „viktorianische Zeitalter“ welches Lee in Atmosphäre, Lokalkolorit und Lebensweise durchaus gelungen darzustellen versteht. Zudem ergeben sich fast zwangsläufig auch Beschreibungen der Stellung der Frau im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mary ist als aufgeschlossene, moderne Frau angelegt und erlebt in dieser modernen Haltung natürlich viel Widerspruch und Ablehnung bis Spott in der damaligen Zeit.

 

Dennoch ist auch dieser Roman sicherlich in seinem klassischen Abenteueraufbau, seiner klaren Gliederung in Gut und Böse, seiner eher nur leidlich zu benennenden Spannungskurve und der zurückhaltenden Sprache was Härte und Gewalt angeht tatsächlich eher für ältere Jugendliche zu empfehlen. Natürlich ist das Buch auch für den „erwachsenen“ Leser durchaus angenehm, flüssig und anregend zu lesen, verbleibt aber doch zu sehr auf einer harmlosen Ebene, als das es wirklich fesseln könnte und bietet ebenso im sprachlichen Stil wenig Herausforderungen.

 

Alles in allem ein gut in die damalige Zeit integriertes, die gesellschaftlichen Verhältnisse nachvollziehbar transportierendes „Agenten- und Abenteuerbuch“ mit klaren Konturen, das durch einen frischen Stil eher besticht als durch eine fesselnde und spannende Handlung. Der „Fall“ ist durchaus stimmig aufgebaut, lässt den Leser aber nicht unbedingt mitfiebern.

 

M.Lehmann-Pape 2012