C.H.Beck 2017
C.H.Beck 2017

Andrew Sayer – Warum wir uns die Reichen nicht leisten können

 

Überzeugende und fundierte Argumentation mit überzeugendem Gegenentwurf

 

Dies Buch beinhaltet kein „Reichen-Bashing“ im klassischen Sinne (auch wenn eine Vielzahl von Beispielen aus der Praxis gar nicht anders können, als das Verhalten einzelner Reicher und der oberen 1% und 0,1% einem den Ärger in Wallung bringen können.

 

Sondern Andrew Sayer wird durchweg dem eigenen Anspruch gerecht, eine Kapitalismuskritik auf den Weg zu bringen, in der die Wurzeln all dessen auf den Punkt gebracht werden. In der der Neo-Liberalismus, dass vermeintlich „freies“ Spiel der Marktkräfte ad absurdum geführt wird und in der dem Leser die Augen geöffnet werden, wie skrupellos, gewollt, gezielt und strategisch auf allen Ebenen (vor allem auf der politischen!) ein „Wirtschaftssystem“ die Welt beherrscht (und zu Gunsten weniger ausrichtet), dass sowohl 90 Prozent der Menschheit wie auch der Planet selbst wie ein „Raubgut“ für eine eher geringe Anzahl von „Reiche und Mächtigen“ geplündert werden. Ohne Rücksicht auf Verluste, Hauptsache, der „Rubel rollt“ und vermehrt sich. Für die Wenigen, natürlich.

 

Eine Analyse, unterlegt mit Tabellen, Zahlen, nackte, nüchternen Fakten, die zwar allesamt irgendwo und irgendwie mal medial öffentlich wurden, aber in dieser konzentrierten und gesammelten Form in solch verständlicher Sprache dem Leser nahegebracht ihresgleichen sucht.

 

„Es herrscht Klassenkampf, in Ordnung, aber es ist meine Klasse, die Reichen, die den Kampf führt du wir sind dabei, ihn zu gewinnen“.

So spricht es Warren Buffet 2006 ganz offen aus.

Und die Fakten seitdem geben ihm Recht. Wobei gerade die Phase der Finanzmarktkrise ab 2008 das überzeugendste Argument für Sayers lapidare Feststellung abgibt, was man sich „nicht leisten kann“, will man als Menschheit eine Zukunft haben. In dieser Krise hat die Schere noch einmal stark sich geöffnet. Die Verantwortlichen einerseits, die großen Vermögen, all das ist in dieser Krise munter gewachsen, während der „Rest der Welt“ den Gürtel enger zu schnallen hatte weit bis in zukünftige Generationen hinein.


Das System muss um jeden Preis am Laufen gehalten werden, so die Haltung der politischen Ebene. Ein System, dass schon in den Quellen und Wurzeln auf Ungleichheit ausgelegt ist und jenen allein in die Hände spielt, die über Land, Anlagevermögen, Mieten, Immobilien und dutzendfach anderen, oft „ererbten“ Dingen die „Werte der Welt“ zu einem hohen Anteil an sich bereits auf sich versammeln. Klar natürlich, dass die „Reichensteuer“ (in den 1930 Jahren in vielen entwickelten Industrienationen fast bei 90 Prozent) sukzessive heruntergefahren wurde, an manchen Orten fast bis Null. Und weiter heruntergefahren werden soll, schaut man sich Wahlprogramme neuester Zeit an.

 

Das „Wirtschaft“ zunächst als „Beziehungsgeflecht“ zur Versorgung der und des Menschen gedacht war (und letztlich noch ist), spielt dabei keine Rolle mehr. Im Umkehrschluss geradezu dient nun alles „dem Markt“, gerade der Mensch, der effizient Güter zu schaffen hat und ebenso effizient als Konsument eine tragende Rolle im Spiel der Mehrung von Reichtum ist.

 

Demgegenüber setzt Sayer eine „moralische Wirtschaft“, die nicht neu erfunden wird im Buch, aber alles an Analyse und Kritik der letzten 200 Jahre aufnimmt und überzeugend in Argumente und eine Alternative gießt.

„Anders als die Meisten Bücher über die Reichen und die Finanzkrise werden wir nach der Legitimität ihres Reichtums fragen müssen“.

Und da spricht man nicht gern drüber, denn das Ergebnis ist ernüchternd. Ethisch, moralisch, selbst faktisch sind weite Teile des „Reichtums der 1 %“ nicht „Verdienst“, sondern nicht selten vor Generationen bereits mit illegitimen Mitteln entstanden.

 

Der Platz reicht nicht im Ansatz, die Thesen Sayers und seine überzeugende Analyse anzudeuten, vor weniger, der Konklusion gerecht zu werden. Einer aber, der mit kritischem Blick ebenso bereits eine Vielzahl möglicher Gegenargumente sachlich mit aufnimmt und sich diesen bereits im Buch stellt, dem kann man eine sorgfältige Recherche und ein fundiertes Wissen ohne Weiteres unterstellen. Und sich in Ruhe dem aufrüttelnden Inhalt (den Sayer sehr, sehr verständlich vorträgt“ widmen.

 

Und Antworten finden. Auf den Zustand der Welt, was den Klimawandel und die Verteilung finanzieller (und damit machtpolitischer) Ressourcen angeht. Und dass es tatsächlich einfach ein Fakt, keine subjektive Meinung ist, dass die Menschheit sich dieses System einfach nicht mehr leisten kann, will sie eine Zukunft haben.

 

„Viele sind wütend….dass man sie zur Kasse bittet für etwas, dass sie gar nicht verschuldet haben. Auf viele….warten lange Jahre der Arbeitslosigkeit, höhere Schulden…….die Aussicht, sich eine eigene Wohnung nicht mehr leisten zu können, ausbleibende staatliche Hilfe, steigende Kosten für die Grundversorgung…..ein unterfinanzierter öffentlicher Sektor“.

 

Auch wenn Geld im Überfluss vorhanden ist (da lassen die Zahlen im Buch keine andere Meinung zu). Und auch Philanthropie wird da keinen Ausgleich bringen, sondern ist vielmehr Teil des Problems als Teil der Lösung.

 

Bis hin zum „Bashing nach unten“, der „Alleinverantwortung“ sozial Schwacher und Armer, die schon von den unteren Einkommensschichten an als „Schmarotzer“ oft bezeichnet werden, funktioniert dieses perfide System der „ungestörten Vermehrung des eigenen Reichtums“ um jeden Preis.

 

Wer seit langem vielleicht eine dumpfe Ahnung in sich trägt, dass was nicht stimmt im System, der wird hier glasklare und vielfache Argumente in hoher Breite der Themen finden. Einfach lesen, das galt und gilt selten so klar, wie bei diesem Buch.

 

 

Und dann Schlüsse daraus ziehen. Auf allen Ebenen. An dieser Aufforderung Sayers kommt man, nach der Lektüre zumindest, ebenfalls kaum vorbei. Eine Lektüre, die überwiegend strikt sachlich bleibt und keine „Untergangs-Prophetie“ betreibt, sondern darauf hinwirken will, Fakten zu sehen und konstruktiv darauf zu reagieren.

 

M.Lehmann-Pape 2017