Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Angus Deaton – Der große Ausbruch

 

Was die Welt zu einem besseren Ort machen würde

 

„Der Lebensstandard ist heute sehr viel höher, als vor 100 Jahren, und mehr Menschen entgehen heute dem Tod in der frühen Kindheit und Leben lange genug, um von diesem Wohlstand zu profitieren“.

 

Eine offenkundige These, die Deaton allerdings nicht einfach nur behauptet, sondern im Rahmen einer von ihm durchgeführten Untersuchung zu den Lebensumständen auf dem Planeten faktisch belegen kann.

 

Ausgehend von diesen Erkenntnissen über die breit gestiegene Lebenserwartung und diese Lebenserwartung (die immer noch unterschiedlich verteilt ist auf der Welt) dann als Indikator nutzend, um die Kluft zwischen „Wohlstand und Armut“ zu beschreiben und den Ursachen dieser Kluft auf den Grund zu gehen, dass ist der innere rote Faden dieses Werkes des Nobelpreisträgers.

 

Wobei, das steht von Beginn an im Raum, Deaton einen großen Optimismus an den Tag legt. Das eben, im Gesamten betrachtet, die moderne, marktwirtschaftliche, kapitalistische Weltordnung zu positiven Ergebnissen geführt hat. Und diese nun, einfach ausgedrückt, durch kluges Überlegen und Handeln, auch auf die Schere zwischen Arm und Reich anwenden muss, da dort die bisher gängigen Handlungsweisen nicht zu einer Verringerung der Kluft geführt haben, sondern sich diese, gerade in den letzten 10 Jahren, immens erweitert.

 

Grundlegend ist dies aber möglich, erläutert Deaton. Ja, zunächst gilt sogar:

 

„Ungleichheit ist oftmals eine Folge des Fortschritts“ und damit nicht grundlegend problematisch, wenn man beginnt, an entsprechenden Punkten dann auch gegenzusteuern.

 

Fortschritte sind dann auch titelgebend, denn jeder signifikante Fortschritt in der Wirtschaftsgeschichte ist eine Form von „Ausbruch“, größer oder kleiner.

 

Im Gesamten ist dabei während der Lektüre bei Weitem das Positive immer mi Fokus und Vordergrund. Wie sehr der „Fortschritt“, was Wohlstand und Gesundheit angeht, weltweit bereits positiv gewirkt hat. Und dennoch noch nicht „gleich“ verteilt sind.

 

So leitet Deaton aus dieser Bestandsaufnahme ein Form „moralischen Anspruches“ an diejenigen ab, „denen es gut geht“, gemeinsam den Kampf gegen Armut und Krankheit aufzunehmen.

 

„Diejenigen, die entkommen sind, müssen denjenigen helfen, die noch in Ketten liegen“.

 

Ist das Buch bis dahin noch sehr informativ und erhellend und wirft einen ganz anderen Blick auf den „Ist-Zustand“ der Welt, als es Untergangspropheten der Gegenwart zu Hauf anders behaupten und stellt damit die „Kraft des Fortschritts“ positiv heraus, ergibt sich auf der anderen Seite allerdings auch das Gefühl „müder Appelle“.

 

Denn moralische Verpflichtungen, faires Wirtschaften und manches mehr, das Deaton anführt, liegt ja im Blick auf die letzten 20 Jahre eben nicht vor, bestimmt nicht die merkantilen Abläufe. Im Gegenteil, die Tendenz geht immer mehr ja beobachtbar darin, sich selbst und die eigene Wirtschaft ausschließlich aus Erstes zu setzen.

 

Das zudem eine ganze Reihe von Verwerfungen was den ökologischen Zustand des Planeten angeht, was die systematische Ausbeutung der „dritten Welt“ betrifft und anders mehr von Deaton zu wenig (nur an einzelnen Stellen) erwähnt werden, schmälert dann doch gerade die Differenzierungen, die Deaton vornimmt. Es fließen einfach nicht alle bekannten Fakten in umfassender Form in seine Schlüsse ein.

 

Dennoch, handfest bleibt die Darstellung der positiven Folgen des „großen Ausbruchs“ wirtschaftlichen Fortschritts und zu Recht positiv verweist Deaton darauf, dass die industrielle Revolution letztendlich, trotz aller noch bestehender Ungleichheiten, die Welt zu einem „besseren Ort gemacht hat, als je zuvor“.

 

Was nun den weiteren Kampf gegen Ungleichheit angeht, da verbleibt das Buch zu schwammig und schwach in den Argumenten. Wobei Deaton durchaus das Kernproblem erfasst und benennt: „dass die persönlichen Interessen die Oberhand über die Bedürfnisse der Allgemeinheit gewinnen können“.


Was beobachtbar bereits geschehen ist und was nicht durch Appelle an Fairness und Einsicht zu lösen sein wird.

 

Eine im Gesamten sehr interessante, sehr sachliche, sehr die Fakten bemühende und dabei positiv gestimmte Lektüre, die die ein oder andere Lücke in den Fakten und der Argumentation aufweist. Und dennoch den Leser darin mitnimmt, was Deaton als „vorsichtig optimistisch“ kennzeichnet und im letzten Kapiteln mit einigen starken Schlagwörtern belegt.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017