Knaus 2016
Knaus 2016

Christoph Keese – Silicon Germany

 

Das „digitale Hintertreffen“

 

Die Digitalisierung potenziert ihre Geschwindigkeit. Das Silicon Valleys in Kalifornien ist dabei der „Nabel der Welt“, Vorreiter und Vorantreiber immer schnellerer, breiterer, umfassend einsetzbarer Algorithmen, die nicht nur in größeren Betrieben oder bei Finanzgeschäften die Arbeit strukturieren und andere Maschinen führen, um die Arbeit zudem noch zu erledigen, sondern die tiefe Eingriffe in das private Leben vornehmen, das Verhalten der gesamten Menschheit verändern und so privat und wirtschaftlich Netzwerke erbauen, die in eine kaum berechenbare Zukunft führen.

 

Deutschland, ehemals Spitzenreiter auf allen Ebenen des technischen Fortschritts und der Ingenieursleistungen, gerät aus dem „Zeitalter des Maschinenbaus“, der Qualität und Effizienz von Maschinen „Made in Germany“ im Blick auf diese digitalen Veränderungen mehr und mehr ins Hintertreffen, konstatiert Keese in den einleitenden Bemerkungen seines neuen Werkes. Und das nicht als abstrakte Theorie, sondern zunächst aus eigener Erfahrung berichtet Keese von den Schwächen „deutscher“ digitaler Produkte.

 

Was bei dem ein- oder anderen „Kleingerät“ zu verschmerzen wäre, was aber im großen Maßstab auch Kernindustrien des Landes massiv bedroht und ebenso massiv ins Hintertreffen setzt.

 

E-Mobilität, Energieträgerentwicklung, Smartphones, Rechner, Automobile mit Netzwerkanbindung, einfach alles, was für eine mögliche Zukunft, für die Lösung zur Erneuerung althergebrachter Industrien, die zu lange ihr jeweiliges Produkt zwar immer mehr ausgereift haben, dabei aber den Sprung in ein „neues Denken“, zur Transformation ihrer Produkte (Automobile, Klein- und Großgeräte, Fernseher und alles Mögliche andere) in die Zukunft hinein sträflich vernachlässigt haben (oder eben mit „Globalen“ Visionen gescheitert sind wie die Daimler AG und seitdem eher die Finger von „Experimenten“ gelassen haben).

 

Hatte Keese vor einiger Zeit mit seinem „Silicon Valley“ fundiert erläutert, was das Erfolgsmodell und, vor allem, das Erfolgsdenken der „im Kopf“ ungeheuer flexiblen Softwareriesen wie Google, Apple, Microsoft und anderen Vorreitern der Digitalisierung und deren Folgen ausmacht, so wendet sich Keese nun deutlich besorgt der deutschen Wirtschaft genau im Blick auf eben jene Digitalisierung zu.

 

Dafür geht er, genauso wie vor einigen Jahren das Silicon Valley betreffend, zunächst tatsächlich „vor Ort“, besucht Industriekonzerne und schaut genau hin. Mit sehr kritischem Ergebnis, wie Keese in klarer und verständlicher Sprache präzise beschreibt.

 

Und in energischem Tonfall Alarm auslöst. Denn es geht, nicht nur in Keese Augen, nicht um einige konkrete Konzerne und Firmen, die der Digitalisierung hinterherhinken und auf Jahre hinaus daher eben nicht „Vorreiter“ werden können, sondern es geht tatsächlich um “das große Ganze“.

 

„Die technische Revolution zieht eine soziale Revolution nach sich. Je langsamer ein Land seine Wirtschaft digitalisiert, desto größer die Gefahr, in diesen Umbrüchen unterzugehen“.

 

Was real sich ja bereits in gewisser Weise andeutet, wenn Deutschland einerseits von den Problemen der „digitalen Neuzeit“ (demographische Entwicklung, zu sehr noch in alten Arbeitsmodellen und Geschäftsmodellen verhaftet) betroffen wird, andererseits aber im Blick auf die innovative Lösung dieser Probleme den Anschluss zu verlieren droht. Wobei ein Blick auf die technischen Entwicklungen der Erzeugung erneuerbarer Energien einerseits die immer noch hohe Innovationskraft auf Ingenieursseite aufweist, andererseits in der Umsetzung und Strukturierung dieses Energiesektors ebenso offenkundig werden.

 

„Nicht nur die deutsche Wirtschaft nimmt die Digitalisierung auf die leichte Schulter, auch die Bürger tun es. Dabei hätten sie allen Grund zur Sorge“.

 

Denn es geht um Arbeitsplätze, um sozialen Zusammenhalt, es geht um „Akteur“ werden und bleiben in der Gestaltung der Zukunft und nicht dann später „passiv“ überrascht werden von den Entwicklungen.

 

Wobei Keese zwar in seiner Analyse Mangel über Mangel entdeckt, aber nicht als Schwarz-Seher stehen bleibt, sondern interessante und konstruktive Vorschläge formuliert, die durchaus gar nicht unbedingt immer „große Stellschrauben“ darstellen, sondern bereits bei kleineren, einfachen aber wichtigen Strukturveränderungen im Denken und internen Handeln der Konzerne ansetzt.

 

 

Eine interessante und durchaus sachkundige, aufrüttelnde Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016