Gabler 2005
Gabler 2005

Holger Rust – Das Elitemissverständnis

 

Die Besten sind nicht immer die Richtigen!

 

Auch fünf Jahren nach Erscheinen des Buches hat die Betrachtung von Holger Rust nichts von ihrer Aktualität verloren. Das Wort „Elite“ geistert seit Jahr und Tag durch die Medien und die öffentliche Diskussion. Nicht nur, aber überwiegend gerade im politischen Bereich. Dass der Begriff sich ausgehöhlt darstellt, dass sich einerseits Menschen als Elite verstehen, die keineswegs der Gesellschaft als Vorbild voranstehen oder wesentliche Impulse in die Gesellschaft hereingeben, gehört ebenso zu dieser Aushöhlung wie das der inflationäre Begriff „Elite“ im Bereich der Bildung mehr und mehr missverständlich sich verankert.

 

Zu Recht weist daher Holger Rust bereits zu Beginn darauf hin, dass es eine nicht sachgemäße Simplifizierung darstellt, zu erwarten, dass mit besten Zeugnissen bester Universitäten ausgestattete Absolventen umgehend rettend in der Gesellschaft tätig werden, denn eine rein anwendungsorientierte Bildung wird, egal, wie hervorragend sie fachspezifisch sein mag,  nicht ohne pluralistische Bildung und Ausrichtung zur Ausbildung einer wirklichen Elite führen.

Zu Recht betont Rust somit, dass sich erst im Alltag und der Bewältigung herausfordernder Aufgaben erweisen wird, wer durch exzellente Leistungen zur Elite zählt. Ein elitäres Verständnis seiner selbst alleine ist ein, bedauerlicherweise für alle, folgenreicher Trugschluss.

 

Logisch schlüssig und in der Argumentation überzeugend fundiert Rust im Verlauf des Buches seine These, dass Elite nicht entsteht durch Noten, Zeugnisse oder Abschottung in elitär sich gerierenden  Zirkeln, sondern einzig und alleine als Resultat einer breit genährten Geisteshaltung, die aus einer gemeinsamen Verantwortung für das Gesamte heraus entsteht, die die Alltags- und Wirtschaftskultur des Landes konstruktiv beeinflusst. Breit gebildete, pluralistische, kreative und konstruktive Verantwortungsträger sind jene, die den Begriff „Elite“ wirklich verdienen.

 

Anhand seiner Betrachtungen der Sinnentleerung des Begriffes „Elite“ und  der dennoch stark vorhandenen Sehnsucht nach hervorragenden Leistungen, wendet sich Rust den verschiedenen „Missverständnissen“ zu, die zur Aufweichung nicht nur des Begriffes, sondern auch der Realität der „Elite“ geführt haben.

Er räumt auf mit den demuts- und hochachtungsvollen Blicke auf amerikanische Spitzenuniversitäten, weist nach, wie der soziale Druck eine notwendige individuelle Entfaltung behindert und im Gestrüpp der Konventionen Talente neutralisiert werden. Eine Neutralisierung, die auch die Personalpolitik der Unternehmen durch die Belohnung „artgerechten“ Verhaltens fördert.

 

Natürlich bleibt Rust bei der Diagnose eines falschen Eliteverständnisses und der daraus erfolgenden Hinderung möglicher Kompetenzentfaltung nicht stehen, sondern bietet ein komplexes Bild einer vernetzten Alltags- und Unternehmenskultur, die auf der Basis breiter Bildung, aber auch breit vernetzter Kommunikationskultur in den Unternehmen selbst innovative Kräfte freisetzen und fördern, statt systemimmanent zwar ambitionierte und karriereorientierte Mitarbeiter zu fördern, damit aber auch Fantasiearmut und rein formale Bildung in Kauf zu nehmen.

 

Hoffnung macht ihm letztlich, dass viele der nachwachsenden Führungskräfte und gut ausgebildeten jungen Menschen durchaus selbstbewusst in Zweifel ziehen, ob die geforderten Persönlichkeitsprofile und damit das hohe Maß an zu leistender Anpassung tatsächlich langfristig tragfähig, entwicklungsoffen und attraktiv sind. Letztlich der Beginn aller exzellenten Leistung und der Elite Entwicklung, dass allzu enge Strukturen in Frage gestellt und konstruktiv und fantasievoll aufgebrochen werden. Elite in echtem Sinne und wird immer sein, was und wer eine Verantwortung für die Zukunft des Gemeinwesens sieht, spürt, annimmt und mit hervorragenden Leistungen gestaltet.

 

In sprachlich leicht verständlicher Form, mit ausführlicher Recherche und klarem Blick versehen rückt Holger Rust den Elite-Begriff in guter Form zurecht und weist konstruktiv auf Wege hin, tatsächliche Höchstleistung in Bezug auf eine Gesellschaft zu installieren und somit auch wieder Vertrauen in wirklich hervorragende Menschen zu ermöglichen.

 

M.Lehmann-Pape 2010