Droemer 2017
Droemer 2017

Jack Ewing – Wachstum über alles

 

Immer noch mehr als aktuell

 

Nicht nur, dass der erste Audi Manager inhaftiert wurde. Nicht nur, dass der Kauf von Dieselfahrzeugen rapide Einschnitte erlebt. Nicht nur, dass aktuell klar wird, wie früh Martin Winterkorn bereits von der „Schummel-Software“ wusste. Sondern noch deutlich weitere Kreise zieht „Dieselgate“, so dass man den Eindruck erhält, dass die Krise nicht weniger, sondern potenziert mehr an Geschwindigkeit aufnimmt seit dem Jahre 2015.

 

Was aber sind und waren die Motive führender Autohersteller (es wäre ein Irrglaube, nur VW eine solche Strategie zu unterstellen, wie sie nun zweifelsfrei nachgewiesen ist), um das „Wachstum“ (dass der Quoten, dass des Geldes, dass der Shareholder Value, dass des „ersten“ auf dem Markt der Autobauer) so rigoros und deutlich unterhalb gesetzlicher Vorgaben voran zu treiben. Unter Hinnahme von Schäden für die Ökologie allgemein und den Kunden im konkreten.

 

Im „Rest er Welt“ ist man „aufgebracht über die von VW zur Schau gestellte Arroganz, und die betroffenen Fahrzeugbesitzer, die einen vermeintlich sauberen Diesel erworben hatten, fühlen sich betrogen“.

 

Zu Recht, ohne jede Frage. Und werden auch weiterhin als „Zahlvieh“, könnte man sagen, benutzt. Denn kulanten Ersatz, ein Einstehen für den Schaden, das erwartet man von VW bis heute umsonst. Genauer gesagt, das, was „der Schaden“ eigentlich ist, wird von VW (in Teilen auch von der Bundesregierung) ganz anders gesehen und gewertet, als vom „Rest der Welt“ und, vor allem, von den Kunden.

 

Was unmittelbar damit zu tun haben mag, wie Ewing darlegt, dass „eine Krise von Volkswagen eine Krise für die gesamte deutsche Wirtschaft ist“.

 

Gilt dann aber auch umgekehrt, dass der absichtliche Betrug am Kunden und am Regelwerk durch Volkswagen eine „allgemeine Haltung“ widerspiegelt? Sprich, dass jene feste Orientierung an „Wachstum über alles“ jeden nur denkbaren Weg beschreitet, Hauptsache, man wird a) nicht erwischt und wenn, dann b) klagt man über Jahre hindurch und versucht, den Schaden maximal zu minimieren?

 

Fragen, denen Ewing nachgeht, wenn er minutiös nicht nur den Ablauf der konkreten Probleme skizziert, sondern auch die Haltung hinter all dem konsequent im Auge behält und dem Leser vor dasselbe führt.

 

„Ist VW ein Sonderfall oder erwuchs der Skandal aus einem Umfeld, das man als typisch deutsch bezeichnen könnte“? Was eben auf die „Schattenseiten“ der an sich weltweit hellleuchtenden Ingenieurskultur in Deutschland im Buch rekurriert.

 

Was schon damit beginnt, wie Ewing kurzweilig und sehr verständlich, in Teilen sogar regelreicht spannend ausführt, dass ein Gesamtumfeld von Wachstumsorientierung, Gier, Abgehobenheit und allgemein einseitiger Fixierung der „obersten Ebenen“ seit Jahrzehnten gehegt und gepflegt wird, dass Qualität, „sauberes“ Arbeiten und Kundenorientierung zunächst nicht ganz nach Oben in der Wertekette stellt.

 

„Gewisse politische Maßnahmen, ursprünglich gedacht, den deutschen Autobauern einen Vorteil zu verschaffen, sind mittlerweile zur Last geworden.

 

Der Dieselmotor, als “Rettung gefeiert“, kann durchaus, nicht nur in „Worst-Case Szenarien“ zum Untergang führen.

 

All diese Verstrickungen, Verblendungen, die kriminelle Energie, die auch mehr und mehr ins Rollen kam, die Schlüsse, die daraus zu ziehen sind, behandelt Ewing ausführlich und fundiert recherchiert.

 

So dass dem Leser die Augen aufgehen, weit über Volkswagen hinaus, welche Blüten das System rein kapitalorientierter Lebens. Und Unternehmensziele inzwischen treiben. Ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit.

 

 

Eine hervorragende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2017