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Jason Hickel – Die Tyrannei des Wachstums

 

Fundiert. Glänzend argumentiert. Und die Welt auf den Kopf stellend

 

Jason Hickel hat in diesem Werk sichtbar alles versammelt, was er sich als Anthropologe wohl ein Gelehrtenleben lang durch den Kopf hat gehen lassen.

 

Eine Utopie zur Veränderung. Eine, auch rhetorisch, glänzend strukturierte Darstellung von Analyse, Synthese und zu ziehenden Schlüssen, die es in sich hat.

 

Das Ungleichgewicht der Welt beruht auf „noch nicht nachvollzogenen Entwicklungsschritten“ bestimmter Regionen?

Lüge.

 

Das darauf aufbauende System der Entwicklungshilfe ist das logische Instrument, um „dort“ die Verhältnisse zum „hier“ langsam anzugleichen?

Unsinn.

 

Wenn afrikanische Staaten zwei Billionen Dollar Hilfen insgesamt erhalten, aber 5 Billionen Dollar „abfließen“ lassen müssen für Schuldendienste und Geldflucht, dann wirtschaftet man von der rechten in die linke Tasche mit Aufschlag. Seit Jahrzehnten.

 

Was alles, da wird Hickel überaus anschaulich und konkret, eng verbunden ist mit den Zeiten des Kolonialismus und, auch das belegt Hickel ganz klar, es gar keinen Anschluss an den Lebensstandard voll entwickelter Staaten geben darf. Soviel Planet Erde wäre gar nicht vorhanden und ein Wille zum „Teilen“ materieller und substanzieller Ressourcen ist nicht zu erkennen. Das Gegenteil ist der Fall.

 

Dass zudem ein Schuldenstrich nicht in Frage kommt, da verweist Hickel in aller Ruhe auf den „normalen“ Umgang z.B. der USA mit säumigen Schuldnern. Gemeinhin „Invasion“ genannt oder, eleganter, Zerstörung der Währung und der wirtschaftlichen und politischen Substanz des jeweiligen „Störenfriedes“.

 

Um es kurz zu machen, denn diese Analyse, so treffend sie auch ist, ist nicht das Wesentliche am Buch, die Ungleichverteilung von Gütern, Wohlstand, Reichtum und Chancen ist gewollt und strategisch angelegt, nicht vom Himmel gefallen.

 

Es benötigt, und das ist der faszinierende zweite Teil des Werkes, einer anderen Form von gesellschaftlichem Miteinander, auf der Basis hochentwickelter demokratischer Prozesse. Hört sich nicht neu an, ist es natürlich auch nicht, aber zum einen denkt Hickel diese Gedanken stringent und logisch ohne Brüche zu Ende und zum anderen kann er (nicht nur in Burundi) zaghafte Pflanzen an Beispielen aufzählen, die die Hoffnung nähren.

 

Noch mag man darüber lachen, dass Burundi das BIP durch einen „Nationalen Glücksfaktor“ ersetzt hat, aber die ständige Beschwörung von ständig notwendigem Wachstum eben jenes „BIP“, damit es „allen wohlergeht“, dass ist einfach eine Lüge.

 

Wie Hickel nicht nur behaupten muss, sondern die faktisch an der Entwicklung dieser Art des ökonomischen Denkens allein daran abzulesen ist, dass 8 Personen inzwischen ebenso viel Werte auf ihre Konten verbuchen, wie 50% der Menschheit insgesamt.

 

Die Flunkerei mit der „Armut“ (unter 1,25 Dollar am Tag als festgelegte Schwelle) kann man da getrost nebenbei mitlesen, wenn eigentlich vielfache Studien auf 5 Dollar als Grenze verweisen. Aber „es sich Schönrechen“, das ist eben Grundlage des seit Jahrhunderten kaum hinterfragten Wirtschaftssystem des „entwickelten Westens“.

 

Andererseits, da liegen die Schwächen dieses elegant zu lesenden und überzeugenden „Frontalangriffs“, in den Utopien, die Hickel entfaltet, hätte er, in einem ebenso kritischen Umgang mit anderen „Utopie-Versuchen“, wie er ihn mit dem Kapitalismus pflegt, auch kritisch fündig werden können. Was er im Buch nicht vollzieht.

 

So öffnet er Tor und Tür für Kritiker, die ihm den einmal „real existierenden Sozialismus“ vorhalten werden.

 

Was bedauerlich wäre, denn ohne eine Form der „Sozialisierung“ von Kapital und Werten und ohne eine „konzentrierte soziale Ausrichtung“, die noch näher zu bestimmen wäre (für die Hickel aber vielfache Anhaltspunkte liefert), scheint Tag für Tag offenkundiger, dass die Gestaltungsräume der Zukunft für den überwiegenden Teil der Menschheit sich mehr und mehr beschneiden werden und eine zahlenmäßig immer kleinere Gruppe nurmehr Vorteil aus „dem System“ zieht.

Von den ökologischen Folgen eines geplünderten Planeten und der Folge, dass bestimmte Standards nicht allgemeingültig werden können ob der beschränkten Ressourcen einmal ganz abgesehen.

 

 

Lesenswert.

 

M.Lehmann-Pape 2018