Gabler 2010
Gabler 2010

 

Jochen Peter Breuer, Piere Frot – Das Emotionale Unternehmen

 

Mentale Unternehmensstärke entwickeln

 

In der reinen Lehre der Wirtschaft werden, interessanterweise, Emotionen kaum erfasst. Erst durch die Entfaltung der Verhaltensökonomie in den letzten Jahren wird das theoretische Denken eines ständig rein rational handelnden Menschen im Sinne der Nutzenmaximierung mehr und mehr in die Schranken gewiesen.

Bei einem Wesen wie dem Menschen, der zu einem hohen Teil durch Emotionen und emotionale Prägungen gesteuert wird, bei einer Vielzahl von Untersuchungen, die nachweisen, dass Mitarbeiterzufriedenheit (ein emotionaler Faktor) für das gesamte Unternehmen förderlich und eine schlechte Stimmung (ebenfalls ein emotionaler Faktor) dementsprechend hinderlich für das Unternehmen ist, eine längst fällige Korrektur wirtschaftswissenschaftlichen Denkens. Der Markterfolg eines Unternehmens ist letztlich in viel höherem Maße von sogenannten „weichen“ Faktoren abhängig, als mithin angenommen wurde.

 

Dieser Bereich ist es, der der Untersuchung und Darstellung der beiden Autoren Richtung und Inhalt weist. Der Mensch verhält sich einfach, gerade auch am Markt, nicht rein rational. Anhand einer Metapher der „emotionalen Viren“. Mit diesen sind nicht Emotionen an sich gemeint, die die Ratio durchbrechen würden, sondern konkret negative Emotionen und Haltungen, die, so nicht offen gelegt und einer Bearbeitung zugeführt, das Unternehmen mehr und mehr anzustecken drohen.

 

Nach Darlegung der Grundbegriffe und der Zielrichtung des Buches folgen die vier Hauptteile. Zunächst die Darlegung der Schwierigkeiten mit dem Umgang mit Emotionen in Unternehmen an sich, darauf folgend legen die Autoren im zweiten Hauptteil Methoden vor, mit Hilfe derer die emotionale Dimension in einem Unternehmen fassbar angesprochen und konkret bearbeitet werden können. Im dritten Teil liegt der Schwerpunkt auf der Umsetzung des Konzeptes in die Praxis. Hier legen die Autoren vielfältige, illustrierende Beispiele aus der Praxis vor, die den theoretischen Teil verdeutlichen. Eine gute Wahl, denn die doch eher trockene und mit Zahlenmaterial einhergehende theoretische Darlegung der ersten Teile des Buches bedarf schon hoher Konzentration und eines ausgeprägten Abstraktionsvermögens zum Verständnis. Hier, im dritten Teil, wird nun konkreter und plastischer fassbar, wie sich emotionale Befindlichkeiten in Unternehmen positiv wie negativ niederschlagen.

 

Der vierte Teil richtet sich in seinem Fokus letztlich an Berater und bietet Zugänge zur Nutzung des kollektiven Intelligenzpotentials . Um dieses im Beratungs- oder Changeprozess nutzen zu können, müssen vier Grundfragen beantwortet werden. In diesem vierten Teil fallen die Ergebnisse des Buches dementsprechend auch ineinander. Noch einmal wird verdeutlich, was genau ein mental starkes Unternehmen ist und an welche Bedingungen sich diese Stärke knüpft. Sodann wird der Weg zur mentalen Stärke skizziert und der Zugang zur kollektiven Intelligenz im Unternehmen aufgezeigt. Dieser vierte ist jener Bereich, der die vielfältigen Beobachtungen und Darlegungen im Buch konzentriert und auf den Weg zur Umsetzung in die Praxis befördert.

 

Besonders bedeutsam für das Verständnis des Buches bleibt allerdings das, sauber herausgearbeitete, praktische Fallbeispiel, an dem die Autoren Schritt für Schritt die „Heilung“ von emotionalen Viren darlegen und vor allem das leidige und in Unternehmen beständig schwelende Thema der Machtkonflikte in bester Weise aufnehmen und einer methodischen Bearbeitung zuführen.

Die Erarbeitung der Darlegungen bedürfen in Sprache, Inhalt und Stil einer hohen Konzentration, bieten aber einen wichtigen Schritt im Feld der Verhaltensökonomie und der emotionalen Befindlichkeit in Unternehmen. Die Fakten sind umfassend recherchiert und dargelegt, praktisch verständlich an Beispielen verdeutlicht und mit umsetzbaren Hinweisen versehen. Das eher knappe, aber ausreichende Literaturverzeichnis bietet die Möglichkeit zur vertiefenden Weiterarbeit an. Die Zielgruppe der Berater, der Führungspersonen und der wissenschaftlich arbeitenden, die das Buch explizit nennt, wird sicherlich gut bedient, aufgrund der hohen wissenschaftlichen Komplexität ist der Zugang des allgemeinen Interesses allerdings erschwert.

 

Ein wichtiges und wesentliches Thema der Unternehmensrealität wird von den Autoren aufgenommen, umfassend betrachtet und mit einer Bearbeitungsmethode versehen, die durchaus in Beratungsprozessen umsetzbar ist. Als informative Lektüre eignet sich das Buch allerdings nicht, der Fokus liegt eindeutig im professionell-wissenschaftlichem Bereich.

 

M.Lehmann-Pape 2010