Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

John Lanchester – Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt

 

Die Wahrheit mit (bitterem) Humor

 

Von seinem trockenen Humor sollte man sich, gerade was dieses Buch angeht, nicht täuschen lassen. Denn im Rahmen der vielfachen Veröffentlichungen der letzten Zeit um die Themen der Finanzkrise, des Kapitalismus, der Gier nach Profit und des wankenden Euro herum behält Lanchester zwar durchaus seine sehr flüssige, lockere, humorvolle und verständliche Sprache bei, lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass es ihm mit seinem Thema ernst ist.

 

Das Geld steht im Mittelpunkt seiner Erläuterungen, das Bankwesen. Die Tatsache, dass durch das Geld „alle miteinander vernetzt“ sind, kaum aber jemand versteht, welch immenses Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten vom einfachen Bürger bis hin zum komplexen Industriekonglomerat durch dieses „Geld“ im Raume steht.

 

Und er verweist, zum besseren Verständnis der gefährlichen Fehlentwicklungen, sehr verständlich auf die Geschichte der „Deregulierungen“. Mithin zeigt Lanchester dem Leser absolut verständlich auf, wie sehr Staaten und Finanzinstitutionen noch vor einigen Jahrzehnten auf „das Geld“ geachtet haben, allenthalben Restriktionen nicht nur für den einfache  Bürger im Raume standen, sondern auch für Banken als „Stütze von Wirtschaft und Staat“. Und wie im Verlauf weniger Jahre diese teils fast ängstlich anmutende „Achtsamkeit“ mehr und mehr sich völlig ins Gegenteil umkehrte, Geld quasi mit vollen Händen „zum Fenster heraus“ und in die Arme der (eher wenigen) Profiteure geworfen wurde (und, noch schlimmer, täglich weiter geworfen wird).

 

Weil, so Lanchesters These, „es eben nichts mehr kostet“.

Aber auch nur vermeintlich.

Am Beispiel der Subprime Krise zeigt er auf, dass Banken ohne weiteres Geld in Mengen auf den Markt warfen, die Risiken verpackten und weiter verkauften und damit ohne Risiko (aber auch nur für sich selbst) weiterhin Geld auf den Markt werfen konnten.

„Weil es eben nichts kostet“. Das aber ist ein, höflich ausgedrückt, „Irrtum des Systems“, unhöflich gesagt ein breiter „Betrug“. An jenen, die als letztes Glied der Kette für die Ausfälle der Kredite gerade stehen werden.  Alle. Durch ihre Steuern zur Rettung des Systems.

 

Geld ist, nach Lanchester, immer geliehen. Die Deregulierung (und damit der Verlust dieses fundamentalen Wissens und der Vorsicht) hat die Ordnung nun völlig durcheinander gebracht. Eine „Unordnung“ allergefährlichsten Ausmaßes, die Lanchester im Buch ebenso  einsichtig auch am Euro durchdekliniert.

 

Eine Krise, die ständig mehr an Fahrt aufnimmt. Denn das „Geld ja nichts mehr kostet“ (und kurzfristig scheinbar keiner dafür gerade stehen muss) wird die Welt mit Geld „geflutet“. Vermögen, das umgehend wieder angelegt wird und immer risikoreicher eingesetzt wird.

 

Einen einfache Weg aus der Krise heraus, den propagiert Lanchester in keiner Weise.

Er macht dem Leser nichts vor, er beruhigt nicht, er wütet aber auch nicht nur herum. Letztendlich erläutert er in sehr verständlichen Sprache anhand eingängiger Beispiele das „Grundproblem“ des Systems und vermag als Ausblick nur zu geben, dass „die Zeche bezahlt werden wird“. Nicht von „denen da oben“ und nicht von denen mit dem gehorteten Vermögen, sondern vom Steuerzahler und, was Europa angeht, alleine von Deutschland.

 

Ein Buch, dass gerade ins einer klaren Sprache und dem ironischen Unterton intensiv zum Umdenken anstößt. Gegen die ständige Plünderung all derer, die kaum ausweichen können durch ihre Steuerlast, die aber die Folgen der Krise auch des Sozialsystems ebenso am eigenen Leibe viel deutlicher zu spüren bekommen, als die Protagonisten des Systems.

 

M.Lehmann-Pape 2013