Hanser2017
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Juan Pablo Cardenal, Heribert Araujo – Freundliche Übernahme

 

Hintergründe

 

Wenn aktuell in der öffentlichen und politischen Diskussion „Schutzmaßnahmen“ gegen Übernahmen großer, deutscher Konzerne diskutiert werden, dann hat dies einen durchaus realen Hintergrund. Salopp gesagt könnte es sein, dass China auf „große Einkaufstour“ geht und Übernahmen massiv angestrebt werden

 

Ein Szenario, das Cardenal und Araujo in ihrem gut verständlichen Werk zu „Chinas Griff nach Europa“ fundiert und detailliert angehen und darstellen.

 

Wobei grundlegend zwei Aspekte von entscheidender Bedeutung sind, was eine eigene Haltung zu diesen Expansionsbemühungen der chinesischen Wirtschaft angeht.

 

Zum einen sind jene Unternehmen, die „auf die Märkte strömen“ zum überwiegenden Teil reinrassige Staatsunternehmen. Mithin geht es somit nicht allein um ein Bedenken freier Marktkräfte und natürlicher wirtschaftlicher Entwicklungen, sondern um die Frage, wieviel „chinesischen Staat“ die Entscheidungsträger im eigenen Land und in der eigenen Wirtschaft zulassen wollen.

 

Und zum anderen, daraus folgend, ein Bedenken der dann direkten Einflussmöglichkeiten des chinesischen Staates auf Regierungen und Gesellschaften, wenn ein hoher Anteil wirtschaftlicher Aktivposten sich in der Hand von chinesischen Staatsunternehmen befinden.

 

Eine Richtung, in die auch ein anderes Indiz spricht. Die Beschwernisse von Wirtschaftsunternehmen im umgekehrten Falle, bei Interesse an Beteiligungen oder einfach nur Erschließung chinesischer Unternehmen oder Märkte.

 

Hier herrscht ein massives Ungleichgewicht, wie die Autoren überzeugend belegen.

 

Unter mangelnder Transparenz muss konstatiert werden, dass sich Chinas (wirtschaftliche) Rolle in der Welt gewandelt hat und es angesichts dieser Änderungen auch veränderte Haltungen gegenüber China notwendig werden.

 

Das „Prinzip des Kotau“ angesichts der finanziellen Möglichkeiten der chinesischen Wirtschaft ist dabei auf keinen Fall zielführend und das eigentliche Kernproblem, das Cardenal und Araujo klar formuliert benennen.

 

So bietet das Buch, Schritt für Schritt, wichtige Erkenntnisse über „die Chronik des Einzugs eines neuen – und immer mächtiger werdenden – Chinas in die Welt und eine langsame Verschiebung des Mächtegleichgewichts auf dem Planeten. Mit der daraus entspringenden, wesentlichen Frage, ob denn nun China sich an die Welt oder die Welt sich an China anpasst – und welche Zwischenstationen noch denkbar wären.

 

Dabei bieten die Autoren einen breiten Blick, der sich beileibe nicht nur auf rein wirtschaftliche Überlegungen beschränkt.

 

Wie es mit der Religionsfreiheit in China ist, wie mit „Widerstand“ dort umgegangen wird, welche Restriktionen digitale Techniken dort immer noch erleiden, all das ermöglicht dem Leser, ein differenziertes Bild der „Grundhaltung“ des chinesischen Staates und weiter Teile der Gesellschaft dort im Buch vorzufinden. Zudem einige exemplarische „Einkaufstouren“ (Griechenland) in Europa nachvollziehen zu können und am Ende sich, gut informiert, der Frage stellen zu können, ob es wünschenswert ist, dass der Einfluss Chinas durch Investitionen größer und größer werden sollte.

 

Dabei scheint die Rolle Tibets nur eine Nebennotiz zu sein, doch bei näherer Lektüre zeigt sich an der Anerkennung des chinesischen Primats über Tibet das gesamte Dilemma einer westlichen Politik zwischen merkantilen Prioritäten und „Resten“ humanistischer Werte, bei denen bislang weitgehend die merkantilen Interessen letztlich immer die Oberhand erlangt haben.

 

 

Eine hoch interessante Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 1017