Michael Hudson – Der Sektor

 

Fundamentale Informationen über eine fundamentale Bedrohung

 

Was gewinnt?

 

Die jahrhundertealte Sehnsucht nach Freiheit, die durch mannigfaltige Revolutionen und Kriege sich über Jahrhunderte hinweg in teilweise erbitterten Kämpfen zumindest in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika herausgebildet hat?

 

Oder die nackte Gier, die Lust am Reichtum, der Macht verleiht (für eher wenige), das Einsetzen materieller Machtmittel vor allem im Sinne des Geldes für eine Oligarchie, für einen neuen Feudalismus oder wie immer man ein solches System benennen mag?

 

Kritische Stimmen zum „Raubtierkapitalismus“, kritische Stimmen zu den immer weiter sich aufblähenden Geldflutungen der Märkte und damit gegen ein „Hauptsache weiter so“ mehren sich. Nicht nur „gefühlt“ in den Gesellschaften des „freien Westens“ (woanders sowieso), sondern auch bei Fachleuten, bei Menschen, die es wissen müssten, in einer zunehmenden Zahl dem Kapitalismus gegenüber kritisch orientierter Veröffentlichungen.

 

Und Michael Hudson ist nicht „irgendwer“, der mal seine Meinung gedruckt sehen wollte.

 

Als Professor für Wirtschaft, Finanzanalyst und Berater von Schwergewichten an der Wall Street, als Verfasser von „Zurück in die Leibeigenschaft“, das damals fast schon prophetische Züge trug, legt er nun eine umfassende und sehr bedenkenswerte Analyse der aktuellen „Finanzwelt“, der Banken und Vermögensverwalter vor, das durchgehend überzeugend argumentiert und bei dessen Lektüre dem „Normalbürger“ nur Angst und Bange werden kann.

 

Nicht aus Lust an destruktiven „Unglücksprophezeiungen“, sondern mittels handfester und im Buch belegter Fakten, wie sich das Finanzwesen anschickt, die Macht in der Welt zu übernehmen und sich damit, ebenfalls bewusst und mit dem Insider erkennbaren Strategien, in einen Kampf, Hudson nennt es „Krieg“, gegen die Demokratie als solche begibt. Denn die zumindest theoretische Macht politischer Regulierungen, die immer lauter und energischer vorgetragene Kritik an den Grundlagen der „Spielregeln“ des Finanzsektors, all das stört die wie geschmiert laufende Maschinerie des „Geldmachens“.

 

Was im Übrigen, wie Hudson Seite für Seite aufweist, kein „Plan für die Zukunft“ ist, sondern nackte Realität. Die Finanzwelt hat das „Sagen“ übernommen. Die offene Frage bleibt nur, ob und wieweit effektiver Widerstand möglich ist.

 

Und dass dies alles „nicht neu“ ist, dass von Beginn der zivilisierten Kultur (und -Geld) Geschichte an die Einführung des „Kredites“ immer schon der Finanzseite eine ungleich höhere Machtstellung als sie „das Volk“ (oder mancher Monarch des späten Mittelalters) innehatte einnahm, da greift Hudson weit in die Kulturgeschichte der westlichen Gesellschaften zurück und bietet eine fundierte Grundlage für seine Folgerungen.

 

„Die alles verschlingende Macht der Zinseszinsen“ oder die klare Analyse, wie „das Eine Prozent die übrigen 99 Prozent in exponentiell wachsender Verschuldung hält“ sind hier beeindruckende Kapitel, in welchen die gesamte Grundlage des kapitalistischen Wirtschaftens aufgezeigt wird, mitsamt der von Beginn an vorherrschenden Tendenz, die „Regeln“ zu bestimmen und „die anderen“ (99 Prozent) eher als „Leibeigene“ zu halten denn als „mündige Bürger“. Wer finanziell abhängig ist, wer einen „Kredit“ aufgenommen hat, der ist verschuldet und damit dem, der das Geld gab, in gewisser Weise schon objektiv „untertan“.

 

Wie dann durch die momentan politisch hofierte „Sparpolitik“ dem allen weiter in die Hand gespielt wird, weil wiederum der „einfache Bürger“ zur Kasse gebeten und enteignet wird, wie Schuldenschnitte gezielt blockiert werden, um die Klammer der Schulden aufrecht zu erhalten, darüber gibt Hudson erschöpfend Auskunft.

 

Wobei Hudson durchaus Alternativen aufzeigt, die aber nun nicht mehr „vor einem Scheideweg“ liegen, sondern, da dieser bereits begangen wurde, unweigerlich in den Konflikt mit der Finanzindustrie führen werden müssen, sollte ein erfolgreiches Umschwenken möglich werden. Der von Hudson dringend geforderte „Schuldenschnitt“ ist da nur der erste Schritt eines überaus holprigen Weges mit dem Ziel, den Finanzsektor zu entkoppeln und als „Parasitär“ zu kennzeichnen.

 

Wobei vom theoretischen Ideengebäude her Hudson keine umwerfenden Neuerungen darlegt, sondern auch in Teilen schon lange bekanntes Wissen neu und wieder vermittelt. Was dennoch nicht unwichtig oder unwahr wäre, nur weil sich bisher daran nicht ausgerichtet wurde. Was wiederum Gründe hat, die in der exzessiven Lobbyarbeit der Finanzindustrie zu finden sind (und immer schon waren).

 

 

Eine Lektüre, die nicht einfach ist, die Mühe und Konzentration erfordert (trotz der in weiten Teilen lockeren Schreibweise Hudsons), die aber jede Seite lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2017