oekom 2014
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Stefan Schridde – Murks? Nein danke

 

Fehler als Teil des Geschäfts

 

Es ging das Gerücht vor einigen Jahren, als Ford Volvo übernahm, dass der schwedische „Dauerläufer“ und den Kfz eben zu lange lief. Und so an verschiedenen Stellschrauben gedreht würde, um die durchschnittliche Lebenserwartung bestimmter, wichtiger Teile in Motor und Karosserie anfälliger zu gestalten.

 

Auch wenn dies immer ein Gerücht blieb, in das logische Denken einer auf ständiges Wachstum ausgerichteten Marktwirtschaft würde ein solcher Vorgang nahtlos hineinpassen. Wie viele der Beispiele, die Stefan Schridde in diesem Buch versammelt und die er vielfach als klar erwiesen benennt.

 

Wenn die Dinge, die man kauft, solide  und auf Dauer ausgelegt wären oder zumindest mit relativ geringem Aufwand zu reparieren wären, dann wären die angestrebten Wachstumsrenditen sicherlich nicht aufrecht zu erhalten. Das alte und bekannte Beispiel der Tintenstrahldrucker, welches Schridde vor Augen führt, macht diese Ziele und Vorgänge einer Notwendigkeit der Ersetzung und des Neukaufs überdeutlich.

 

Und damit stehen Drucker nicht alleine. Schwer zugängliches Innenleben von Geräten und Maschinen (wie die verbauten Motorräume moderner PKW oder festverbaute Akkus in Handys), anfällige Technik, vieles führt zu einer erschwerten bis unmöglichen Reparaturmöglichkeit und damit am besten gleich zu einer notwendigen Neuanschaffung nach Ablauf eines (für den Hersteller) überschaubaren Zeitraums.

 

„Geplante Obsolenz“ als „geplanten oder verfrühten Verschleiß und weitere Methoden zur Verkürzung der Nutzungsdauer durch fehlerhafte Konstruktion, mangelnde Qualität und ungeeignetes Material“ ist das Thema, dem Schridde sehr praktisch bezogen, mit vielen Beispielen und klarem Blick im Buch nachgeht.

 

Ein Fakt, dem sich inzwischen auch die Politik kaum mehr verschließen kann. Wie sonst wären die Anträge und Ideen der europäischen Gemeinschaft zu verstehen, den Zeitraum von Garantie und Gewährleistungspflicht mindestens zu verdoppeln?

 

Es sind eben jene „Sollbruchstellen“, die Schridde sehr verständlich am Beispiel damaliger Selbstbau-Modell mit ihren „Stegen“ (an denen die Teile hingen) verdeutlicht, die mehr und mehr zum Ärgernis der Konsumenten werden. „Sollbruchstellen“, die ganz bewusst heutzutage in Geräte eingebaut werden. Zur Sicherung des „großen Ganzen“, hier natürlich ist die Sicherung des Geschäftsmodells gemeint durch den ständig künstlich produzierten Neu-Bedarf.

 

Die „Begrenzung der Lebensdauer“ ist damit Teil der Produktstrategie. Und das auf allen Ebenen, wie sich bestens am Beispiel der Handys zeigen lässt, in denen zum einen „Sollbruchstellen“ eingeplant werden, zum  anderen zudem die „innere Verfallsdauer“ stark gesteigert wird, damit am besten jedes Jahr für hohe Summen neu angeschafft werden muss und auch neuangeschafft werden will.

 

Gut, dass Schridde das Buch nicht nur benutzt, um sich Luft zu verschaffen (auch wenn in fast umgangssprachlichem Stil es eine Freude ist, die vielfachen Beispiele sich zu Gemüte zu führen), sondern er ebenso konstruktiv auf eine durchaus mögliche „Therapie der Obsolenz“ verweist.

 

Zum einen durch sich verstärkende, „wieder erstarkende“ Qualität bei der Fertigung, vor allem aber durch gezielte und geplante Wege in die „werdende Kreislaufwirtschaft“ (basierend auf der „Green Economy eines David Pearce).

 

Impulse und Möglichkeiten, die sicherlich nicht von der fertigenden Industrie zu erwarten sind (da kurzfristig Renditen und Gewinne geschmälert werden würden), sondern die einen mündigen Bürger und einen politischen Rahmen benötigen. Aber auch „was jeder jetzt schon tun  kann“ legt Schridde knapp und komprimiert vor Augen.

 

 

Eins ehr informatives, interessantes, flüssig und gut zu lesendes Buch, dass den Nagel auf den Kopf trifft und die Augen in Richtung Qualität und Kreislaufwirtschaft weit öffnet.

 

M.Lehmann-Pape 2014