Oekom 2011
Oekom 2011

Tim Jackson – Wohlstand ohne Wachstum

 

Wie es ökonomisch nachhaltig gehen könnte

 

„Wir werden mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer nützlich und richtig ist, mehr Güter.... zu erzeugen, oder ob es nicht sinnvoll ist, unter Verzichtsleistung auf diesen „Fortschritt“ mehr Freizeit, mehr Besinnung,... zu gewinnen“.

 

Dieses Zitat von Ludwig Erhard aus dem Jahre 1957, welches Barbara Unmüßig in ihrem Vorwort zitiert, gibt die Grundrichtung dieses, auf jeder Seite und in jedem Gedanken bedenkenswerten, Buches von Tim Jackson vor. Nun ist es offenkundig an der Zeit, angesichts der finanzwirtschaftlichen Verwerfungen, der ökologisch drängenden Fragen, des allseits spürbaren Unmutes der Bevölkerungen und des Schwankens ganzer Volkswirtschaften jene Fragen nach der Zukunft zu stellen, die Lösungen der Nachhaltigkeiten in sich tragen.

 

Gegen die seit zig Jahren wie ein Mantra vorgetragene These, der sich die ganze Welt angeschlossen zu haben scheint, dass „Wachstum = Wohlstand = Sicherung des Lebensstandards“ bedeutet, wendet sich Tim Jackson eloquent, in großer Ruhe und in fundierter Betrachtung. Zur Lösung aus diesem Würgegriff des Molochs „Wachstum“ geht er einen ganz eigenen Weg. Statt ständig „gegen“ irgendetwas zu argumentieren, erläutert er verständlich und nachvollziehbar die Hintergründe des Wachstumsdenkens, stellt grundsätzliche menschliche Bedürfnisse nach Entwicklung und Sicherung des Lebens nicht in Frage, füllt allerdings den Begriff „Wachstum“ mit einer ganz eigenen Definition. Dieser Kunstgriff ermöglicht es Tim Jackson in der Gesamtbetrachtung des Buches, durchaus einen „Wohlstand“ zu beschreiben, der nicht nur kein ständiges „Mehr an Gütern“ mehr verlangt, sondern sogar Verzicht und Regression beinhalten kann ohne Qualitätseinbußen für das, recht verstandene, „Leben im Wohlstand“. Oder, anders formuliert, ein „Wachstum“ auf einer Ebene in den Raum zu stellen, das sich nicht durch materielles Wachstum definiert.

 

Im Gesamten lässt es Jackson an notwendigen Differenzierungen nicht fehlen. So unterteilt er einerseits in jene Gesellschaften, die im fast schon ermattenden Überfluss leben und in jene, die einen starken Nachholbedarf allein schon in Fragen der Grundsicherung des Lebens aufweisen. Immer aber schwingt seine Leitfrage mit, ob das „unerbittliche Streben nach Mehr (im materiellen Sinne)“ nicht bereits längst an ein Ende der Ressourcen und des inneren Sinnes angelangt ist. Drei grundlegende Einwendungen gegen ein solches „immer Mehr“ setzt er in dabei in den Raum. Zum ersten die Endlichkeit der Ressourcen, zum Zweiten die nicht mehr Steigerung, eher Beeinträchtigung individuellen Glücks und zum Dritten die ungerechte und unfaire, ständig zunehmende Ungleichheit der Verteilung auf dieser Welt.

 

Seite für Seite entfaltet er, ohne ideologische Verhärtung, seine eigentliche These und Definition. Wohlstand versteht Jackson als „Fähigkeit des Menschen, zu gedeihen – und zwar innerhalb der ökologischen Grenzen eines endlichen Planeten“. Was es zu diesem Gedeihen braucht ist dann aber sehr unterschieden vom Viertwagen, vom fünften Fernseher und vom zigsten Handy. Materielle Aspekte für jenes „Gedeihen“ sind durchaus dabei vorhanden. Essen, Kleidung, Obdach, Wärme, Kultur, Teilhabe sollen (und können durchaus) gewährleistetet werden. Aber die Gleichsetzung von „Quantität und Qualität“, dagegen verwehrt sich Jackson deutlich und, vor allem, wohl begründet.

 

So kann der Leser am Ende des Buches Jackson ohne weiteres in seinem Aufruf folgen: „Es ist an der Zeit!“. Jackson liefert eine intelligente, sauber argumentierte und in sich schlüssige Darstellung einer nachhaltigen Welt unter gerechterer Verteilung, ohne gleich sämtliche Systeme samt des Kapitalismus abschaffen zu müssen. Dass dieses „Gedeihen“ des Menschen eines entschlossenen politischen Rahmens bedarf und eine Ablösung des alten Denkens von „Immer Mehr“ hin zu „was ist sinnvoll und notwendig“, das wird jedem Leser überdeutlich, der sich diesem buch aussetzt. Ein Buch, dem man nur eine weite Verbreitung und eine ernste Auseinandersetzung mit seinen Inhalten wünschen kann.

 

M.Lehmann-Pape 2011