DVA 2012
DVA 2012

Ulrich Fichtner, Cordt Schnibber (HG.) – Billionen Poker

 

Spekulationen fressen Freiheit und Demokratie

 

Es ist ein durchaus hartes, aber wohlbegründetes Urteil, welches die Autoren als Essenz aus ihrer fundierten und breitangelegten Recherche heraus in den Raum stellen:

 

Demokratien können nicht mit Geld umgehen. Die Politik beeinflusst nicht die Wirtschaft, vor allem nicht die Finanzwirtschaft, sondern umgekehrt. Und alle Regulierungen und Deregulierungen der letzten Jahrzehnte, alles Versuche der Bewältigung von Krisen, alle Ansätze, die Welt wieder auf eine „konstruktive Bahn“ zu hieven, haben nicht nur keinen wirklichen Erfolg gezeitigt, sondern diese Abhängigkeiten. Selbst wo es halbherzig gelungen sein sollte, ein Schlupfloch ein wenig kleiner zu gestalten, warten Dutzende anderer Möglichkeiten, Rendite auf Kosten der Gemeinschaft zu erzielen.

 

Nur so ist zu erklären, dass die Geldmenge immer größer und größer wird, das überwältigende Gros der Bewohner des Planeten im gleichen Maß aber immer ärmer werden. Zusammenhänge, die so fundiert und überzeugend im Buch vor Augen geführt werden, dass man dieses Buch fast als das „Grundlagenwerk zur Finanzkrise“ kennzeichnen kann. Kaum eine andere der vielfachen Veröffentlichungen der letzten Monate und Jahre zumindest nimmt sich der „Spielregeln“ des Finanzsystems in solch weltweiter Breite und klar verständlicher Sprache an. Mit eben dem hartem Urteil und, wenn man ehrlich ist, nur wenig wirklichen Möglichkeiten, den Ausgang aus der Geiselhaft des Geldes noch finden zu können.

 

Eine Geschichte der aktuellen Krise, deren Wurzeln die Autoren bis in das Jahr 1971 zurückverfolgen. Da, wo die Lehren aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Vorteil des „Geldmachens“ hinten angestellt wurden. Da, wo das kurzfristige Denken zur Aufgabe des Systems fester Wechselkurse führt. Wie seitdem in der modernen Gesellschaft immer mehr und immer schneller die Kurzfristigkeit regiert. Oft aus Unwissenheit heraus, oft genug aber mit klarem Verstand für die Folgen dieser Haltung.

 

Tausende Milliarden Dollar sind seit 2008 ausgegeben worden, um das strauchelnde System zu stützen und die Krise zu überwinden. Mit, nüchtern betrachtet, eher kontraproduktiven Folgen. Zu verfangen in dieser Strategie aber scheinen alle maßgeblich Beteiligten zu sein, um eine Strategie, die offenkundig die Dinge schlimmer statt besser macht, zu verlassen.

 

Wie das genau ist und, vor allem, warum das so ist, um das zu verstehen sei die Lektüre dieses Buches rundweg empfohlen. Wie das kommen konnte, dass die einstigen „Diener der Weltwirtschaft“ im Lauf weniger Jahrzehnte zu den „Herren der Welt“ aufsteigen konnten. Denn Schicksal oder Zufall ist das nicht sondern durchaus systemisch verankert und in den Rahmungen des Systems vorgesehen.

 

Eine Rückkehr zur „monetärischen“ Wirtschaftsauffassung statt der massiv vorherrschenden „keynesianischen“, das wäre vielleicht eine erster Schritt heraus aus der aktuellen Bedrängung, dem dann aber weitere, ganz andere Schritte folgen könnten und müssten. Denn auch die monetäre Auffassung hat zu Zeiten ja für Schulden mit gesorgt und ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Wichtiger aber wäre die Frage, ob die Kraft und, vor allem, der Wille reicht, das Ruder herumzuwerfen. Ob überhaupt eine Einsicht erzeugt werden kann.

 

„Die Balance zwischen Staat und Markt ist durch vier Jahre Finanzkrise empfindlich gestört“ Nunmehr drängen die Finanzmärkte auf eine Absicherung ihrer Forderungen einerseits und zudem noch die Aussicht auf Profite und Rendite durch das Wachstum der „entmündigten Staaten“. Eine Würgegriff, der, sollte er nicht in absehbarer Zeit aufgehalten werden, die Demokratie zerstören wird. Eine Demokratie, deren Politiker auf europäischer Ebene immer noch weitaus mehr damit beschäftigt sind, Partikularinteressen und Vorteile erbittert zu schützen, statt gemeinsam die Kraft aufzubringen, den gordischen Knoten zu zerschlagen.

 

Diese politische Egozentrik, gepaart mit der Ohnmacht aufgrund der erstickenden Schulden, hier verorten die Autoren das eigentliche Problem der Finanzkrise. Als Symptom eines umwälzenden Transformationsprozesses zwischen „altem“ Wirtschaften und der Einsicht, dass gravierende Veränderungen mit damit einhergehenden Verlusten an Wohlstand nicht zu vermeiden sein werden. Eine Transformation, die nur „nach vorne“ hin ausgerichtet sein kann. Auf eine echte, politische Union hin in Europa und die Kraft für massive Schuldenschnitte mit all den Verwerfungen, die dies mit sich bringen würde.

 

Ein überzeugendes, fundiertes und wichtiges Buch.

        

M. Lehmann-Pape 2012